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Donninger: Widmungen

Chrilly Donninger
Widmungen:
This series of
books is affectionately dedicated to the Type 650 computer once installed at
Case Institute of Technology, in remembrance of many pleasant evenings.
(Donald E.Knuth, The Art of Computer Programming,
Volume 1).
Wenn die
Informatik mit einer gewissen Berechtigung als Wissenschaft bezeichnet werden
kann, dann hat sie es einem Mann zu verdanken: Donald E.Knuth. Knuth
unterscheidet sich von seinen Kollegen durch zwei markante Eigenschaften. Er ist
ein exzellenter Mathematiker und er kann ausgezeichnet programmieren. Das
dreibändige Werk "The Art of Computer Programming" ist die Informatiker-Bibel
schlechthin. Knuth hat ursprünglich 7 Bände geplant. 1972, nach der Herausgabe
von Band 3, beschloss er aber, sich für die Folgebände eine bessere
Textverarbeitung zu programmieren. Er plante dafür ein Jahr ein und hoffte
sogar, dieses eine Jahr durch die gesteigerte Schreibproduktivität wieder
hereinzubringen. Das von ihm zu diesem Zweck geschaffene TEX spielt tatsächlich
alle Stückchen. Knuth hat dafür aber nicht ein sondern 10 Jahre gebraucht.
Nachdem die (akademische) Welt einen Bedarf an TEX hatte, musste er zuerst
einige Bücher darüber schreiben. Und weil er schon dabei war, hat er auch noch
Teile der Bibel mit TEX illustriert. The Art of Computer Programming ist mehr
als eine Sammlung von Programmiertricks. Es ist auch die Geschichte der
Informatik. So erfahren wir, dass der im 9.Jh. lebende arabische Gelehrte Abu
Abd Allah Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi der Namenspatron des Begriffs
"Algorithmus" ist.
1997/98 hat
Knuth eine überarbeitete Ausgabe von Band 1 bis 3 herausgegeben. Die endgültige
Version sowie Band 4 und 5 sollen - so Gott will - spätestens 2010 erscheinen.
Dank TEX enthält das Namensregister nun auch die arabische Schreibweise von
al-Khwarizmi. Auch Bill Gates kommt am Buchumschlag zu Wort. Er ersucht jeden,
der das Buch gelesen und verstanden hat, ihm eine Zusammenfassung zu schicken.
Viele
Informatiker träumen davon, im illustren Namensregister aufzuscheinen. Knuth ist
sich dieser Verantwortung bewusst. Alle Fakten werden mit größter Akribie
erhoben. Die Verzögerungen bei der Herausgabe der Folgebände sind nicht nur TEX
sondern auch Knuths pedantischem Vorgehen zuzuschreiben.
Die Last der Verantwortung:
Seit
Veröffentlichung der Kolumne "W.Steinitz gegen L.Gott" verspüre ich auch einen
Hauch der Knuthschen Verantwortung auf meinen Schultern lasten. Die Kolumne
scheint bereits als wichtige Zwischenetappe auf dem Weg in den
Informatikerhimmel gehandelt zu werden. Jedenfalls schrieb mir der
österreichische Künstliche Intelligenz Forscher J.Fürnkranz, IM Forster hätte
mich und die Wissenschaftswelt betrogen, viele Forstersche Ideen seien schon vor
10 Jahren von seinem Kollegen Peter Jansen veröffentlicht worden. Nun, Forster
ist auch nur ein Zwerg der auf den Schultern von Titanen steht. Wie es sich
gehört hat er die Janseanischen Quellen auch fein säuberlich angegeben. Ich
hingegen habe es verabsäumt, die Spur seiner Ideen durch die Geschichte des
Schachspiels zu verfolgen. Möglicher Weise sollte ich mir TEX besorgen. Denn
meistens landet man bei einem alten arabischen Gelehrten und wenn man schon auf
Knuthschen Pfaden wandelt, sollte man dessen Name dann auch richtig in
Originalschreibweise wiedergeben. Ich hoffe, Herausgeber Bücker wird mir
angesichts der unvermeidlichen Verzögerungen nicht die Kündigung aussprechen und
GM Pfleger wird nicht um eine lesbare Zusammenfassung des Textes anfragen.
Liebe ist nur
ein Wort:
Eine mehr oder
minder angenehme Folge von Kolumnenschreiberei ist, dass einem Bücher zugesendet
werden, die man lesen und vor allem besprechen soll. Die Widmung in Gerald
M.Levitts "THE TURK, Chess Automation" fällt etwas konventioneller als jene von
Knuth aus "To the love of my life, my understanding and encouraging wife,
Carol..." Bis auf die Schwiegermutter werden auch alle übrigen
Familienmitglieder ähnlich überschwenglich mit Dank überhäuft.
Die Ehefrau als
"love of my life" zu bezeichnen kommt mir etwas dick aufgetragen vor. Carol muss
sich auf alle Fälle ihren Gerald mit einer anderen grossen Liebe teilen. Den
Türken. Levitt hat alles mögliche und unmögliche Material über den Türken
zusammengetragen. So finden sich in seinem Buch ein Bild des marokkanischen
Tourismusbüros in Paris und ein alter Stadtplan von Mühlhausen. Wie das mit dem
Türken zusammenhängt? Nun das abgebildete Gebäude beherbergte einst das Cafe de
la Regence. J.Maelzel, der Zweitbesitzer des Schachautomaten, engagierte in
diesem Etablissement die meisten seiner "Schachengines". Unter anderem auch den
gebürtigen Mühlhauser W. Schlumberger für die Amerika-Tournee. Diese Detailfülle
ist die grosse Stärke aber auch Schwäche des Buches. Levitt zitiert ausführlich
alle historischen Quellen zum Thema. Er ist aber von seiner Sammlerwelt so
gefangen, dass er das Zitat mit praktisch denselben Worten noch einmal
wiederholt. Als Darüberstreuer werden die zehn wichtigsten Beiträge, wie z.B.
E.A.Poes "Maelzels Chess-Player" noch einmal im Original bzw. in der englischen
Übersetzung abgedruckt. Das ist zu viel des Guten. Ein eigenständiger Text und
ein Verweis auf den Anhang hätte das Lesevergnügen erheblich gesteigert. Ich
habe ab Seite 20 das Buch auch nach dieser Methode gelesen.
Das
mechanische Genie:
Wenn man
geduldig ist, stösst man aber auf eine Reihe von Gustostückchen. Eine lange Zeit
heftig diskutierte Frage war die Figurenerkennung des Türkens. Poe war der
Meinung, dass der Operator mit den Augen des Türkens das Spielbrett wahrnahm.
Die von van Kempelen entwickelte Methode ist viel einfacher und eleganter. Die
Figuren enthielten am Boden einen Magneten. Unter jedem Feld waren an Federn
aufgehängte Metallscheiben angebracht. Ein nach oben gezogenes Blättchen
bedeutete, Feld ist besetzt, ein nach unten hängendes Blättchen, Feld ist leer.
Genau dieselbe Methode wird von modernen Schachcomputern verwendet. Wie bei den
elektronischen Nachkommen musste man auch beim Türken die Figuren exakt auf die
Feldmitte setzen. Die jeweiligen Schlachtopfer spielten daher auf einem eigenen
Brett. Ihre Züge wurden von van Kempelen bzw. dessen Nachfolger Maelzel
ausgeführt. Der Türke führte seine eigenen Züge mit dem linken Arm aus. Die
Konstruktion kann es mit modernen Schweissrobotern durchaus aufnehmen. Van
Kempelen hat dies alles im Alleingang in 6 Monaten entworfen und gebaut. Ein
modernes Ingenieurbüro würde sicher länger brauchen. Die Levitt´sche
Begeisterung über das Genie van Kempelen ist daher sicherlich berechtigt. Für
van Kempelen war der Türke aber nur ein Mittel zur Erfüllung seines eigentlichen
Traumes, die Sprachmaschine. Er wollte eine Maschine bauen, die
natürlichsprachlich kommunizieren kann. Dies war auch ein Teil der Türkenshow.
Die Zuschauer konnten dem Türken Fragen zurufen, die mit beweglichen Buchstaben
beantwortet wurden. Der Türke passte sich dabei sogar an die jeweilige
Landessprache an. Das Thema wurde 200 Jahre später von den Künstlichen
Intelligenzforschern wieder aufgenommen. In Stanley Kubricks Filmklassiker
Odyssee im Weltall 2001 kann der Bordcomputer HAL fataler Weise sogar
Lippenlesen. Kubrick hat sich HALs Fähigkeiten keineswegs aus den Fingern
gesogen. HAL konnte einfach alles das, was er nach Ansicht der künstlichen
Intelligenzler im Jahr 2001 können würde. Tatsächlich ist die Spracherkennung
erst ein Schneckenjahr von van Kempelen entfernt.
Das Ende des
Mythos?
Die Zeitgenossen
bewunderten die Mechanik des Türkens. Die eigentliche Faszination ging aber von
seinen schachspielerischen Fähigkeiten aus. Abgesehen von den stilistischen
Schwächen gehört diese detaillierte Rezeptionsgeschichte des Türkens zu den
Stärken des Levitt Buches.
Ein bisschen
naiv ist allerdings die Levitt´sche Conclusio: "Today we have an explanation for
anything we see; The Turk would not be mystifying to those who have telephones,
televisions, and computers. But those in the times of the Turk were witnessing
unbelievable marvels".
Ist die
Menschheit in den letzten 200 Jahren gescheiter geworden? Sicherlich würden wir
nicht mehr auf eine mechanische Imitation hereinfallen. Der Aberglaube war aber
immer schon der Glaube von gestern. Mystifiziert wird immer nur die sehr ferne
Vergangenheit, das Goldene Zeitalter, oder Zukünftiges. Ist HAL etwa keine
Mystifizierung neuer Technologie? Möglicher Weise ist es sogar finsterer
geworden. Wohl hat Napoleons Stiefsohn Eugene Beauharnais den Türken von Maelzel
um eine astronomische Summe geleast. Kein Zeitgenosse hat aber je behauptet,
durch den Türken seien die Grundgesetze der Ökonomie außer Kraft gesetzt worden.
Genau das
erleben wir aber 200 Jahre später. Durch eine neue Technologie, das Internet,
ist plötzlich alles anders. Adam Smith und Konsorten haben ausgedient, der Traum
der Alchemisten ist wahr geworden. Das faszinierte Publikum hat es geglaubt und
investierte Abermilliarden Dollar in Firmen mit rein virtuellem Substanzwert.
Tatsächlich war es ein gigantisches Pyramidenspiel. Wirklich neu war nur die
Anzahl der beteiligten Spieler und die Spielsumme.
Beim Türken war
sich die intellektuelle Elite sicher, dass er getürkt ist. Die Faszination
bestand in der Frage "wie macht das der van Kampelen?". Im Sommer 2000 hielt ich
mich am Bostoner Eliteinstitut M.I.T. auf. Die Professoren der
Computer-Abteilung waren alle in Richtung .Comdike unterwegs. Mit den
zurückgelassenen Nachwuchsgenies konnten man sich kaum vernünftigt unterhalten.
Jedes Gespräch mündete nach kurzer Zeit in eine .com-Evangelisierung. Mythen
scheinen ein menschliches Grundbedürfnis zu sein das sich durch die Hintertür
wieder einschlecht wenn man es bei der Haustür hinauswirft.
Die
Schachkarriere:
Levitt behandelt
auch ausführlich die schachliche Laufbahn seines Lieblings. Laut Klappentext ist
der Autor ein erfahrener Fernschachspieler. Er hat auch zahlreiche Beiträge für
Chess Life und floridaCHESS geschrieben. Das kann so nicht stimmen. So berichtet
er ausführlich über die verschiedensten Versionen des Matches zwischen Napoleon
und dem Türken (J.B.Allgaier). Zusammenfassend meint er: "Luckily, whether the
story has a basis in fact or is just a mere flight of fancy, twisted many times
over the years, we have been left with the score of a game between Napoleon and
the Turk". Jeder der sich mit der Schachgeschichte rudimentär auseinandergesetzt
hat, weiss aber, dass die Authenzität dieser Partiemitschrift sehr zweifelhaft
ist. Das einzige Pro-Argument ist die aggressiv-dilletantische Spielführung
Napoleons. Dies stimmt mit den übrigen Berichten über die Schachkünste des
kleinen Korsens überein (siehe dazu auch M.Ehn: J.B.Allgaier, Kaissiber Nr.11,
Juli-September 1999).
Wesentlich
interessanter und meines Wissens historisch gesichert sind die 50 abgedruckten
Partien, die der Türke bzw. sein Operator Mouret während der England-Tournee im
Jahre 1820 gespielt hat. Die Gegner sind nicht nur schachliche Flaschenköpfe a
la Napoleon, sondern gehörten wie etwa Cochrane zur damaligen ersten englischen
Liga. Trotz Bauern- und Zugvorgabe erzielte Mouret 45 Gewinnpartien und 2 Remis.
Wahrscheinlich würde ein moderner Schachcomputer bei einer ähnlichen Tournee
schlechter abschneiden.
Der alte Mann
und das Meer:
Trotz der
Bildungslücken des Autors ist auch der Partienteil eine anregende Fundgrube.
Tragisch endet hingegen Levitts größter Sammlerfang. Während seiner
Amerika-Tournee ergötzte der Türke das Publikum auch mit Endspielstudien. Ein
netter Gag bestand darin, dass sich der Gegner aussuchen konnte, ob er mit Weiß
oder Schwarz spielen wollte. Der Türke hatte dafür das Recht des Anziehenden. Es
war bekannt, dass Maelzel die Endspielstellungen in einem mit grünem
Handschuhleder eingebundenen Buch aufgezeichnet hat. Das Buch galt als
verschollen. Levitt war von der Existenz dieses Buches überzeugt. Er ging Erika
Piola, einer Angestellten der Library Company of Philadelphia, so lange auf die
Nerven, bis diese wirklich genau schaute. Im Jänner 1999 fand Piola auch
tatsächlich im Nachlass von Dr.Mitchell, den Letztbesitzer des Türkens, das
berühmte grüne Buch. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen bekam es Levitt
aber nie direkt zur Einsicht. Er erhielt - und das ist der Tragödie erster Teil
- nur Schwarz-Weiß-Kopien der Endspielstellungen. Die schwarzen Figuren waren im
grünen Buch rot dargestellt. Die Figurenfarbe sind im Levitt-Buch und wohl auch
auf der Originalkopie sehr schwer zu unterscheiden. Levitt hat moderne, gut
lesbare, Diagramme angefertigt und sie Erika Piola zur Korrektur zugesandt. "Thanks
to the work of Erika Piola, who painstakingly examined every piece on every page
and colored them for me on the copies she sent, the modern diagrams are accurate."
Das dürfte aber nicht die Sorgfalt und der Sachverstand eines Donald Knuth
gewesen sein. Die Stellung in Endspiel 7 ist z.B. ein semirepublikanisches
Schach. Es fehlt der schwarze König. Ersetzt man allerdings die auf b6 stehende
schwarze Dame durch den schwarzen König, erfüllt die Stellung die
Türkenbedingung (siehe Diag. 1). Weiß gewinnt am einfachsten mit 1.Sb3
gefolgt von f7. Eine nette Kombination ergibt sich mit Schwarz am Zug.
1...Lf5 und nach dem logischen 2.Dxf5 Td1+ 3. Kc2 Se3+
mit
deutlichen Vorteil für Schwarz. Besser ist allerdings 2.Sd7+ Txd7 3. Lf2+ Ka6 4.
Dxf5 h2 5. Dxd7 h1=D und forciertem Remis. Wahrscheinlich
ist Schlumberger die Widerlegung 2.Sd7+ nicht entgangen. Bei der Amerika
Tournee spielte der Türke aber meist gegen 1000 Elo-Spieler. Das Problem bestand
- analog modernen Schachprogrammen - eher darin, den Patzern eine Chance zu
lassen. Um das Interesse hochzuhalten, hat der Türke manchmal absichtlich
verloren. Die einzig erhaltene Schlumberger Partie ist typischer Weise eine
galante Verlustpartie gegen eine Mrs.Fischer aus Philadelphia. Maelzel bzw.
Schlumberger konnten mit hoher Wahrscheinlichkeit von der plausiblen Antwort
2.Dxf5 ausgehen. Hätte jemand per Zufall die optimale Verteidigung gefunden,
wäre dies keineswegs eine Katastrophe, sondern eher eine verkaufsfördernde
Sensation gewesen.
Diagr 1:
Korrigiertes Endspiel 7 (Figurennotation in Englisch):
wKb1,Qc2,Nc5,Bg3,Pa2,b2,c3,f6/
bKb6,Nc4,Bc8,Rd8,Pa5,b5,c6,g4,h3

Weiß oder Schwarz am Zug.
Das von Levitt
präsentierte Endspiel 2 ist zwar nicht illegal, in der angegebenen Form aber
höchst unplausibel.
Diagr 2:
Endspiel 2 - Levittsche Originalfassung (Figurennotation in Englisch).
wKa1,Nd8,Ba2,b2,Rf5,Pa3,c2,d2,e3,h2/
bKa7,Qa5,b4,Nf2,Bf6,Pa6,b7,c5,e4,g4,g7,h4

Schwarz am Zug
setzt einfach mit Dxb2 matt. Für Weiß ist aber weit und breit kein Gewinnweg zu
sehen. Ersetzt man die schwarze Dame auf a5 mit einer weißen, erhält man eine
Stellung, die wieder den Anforderungen entspricht. Am schwarzen Gewinnzug ändert
sich nichts, Weiß gewinnt mit 1. Sc6+ Ka8 2. axb4 oder 2. Txf6 und
das Matt ist nicht mehr zu verhindern. Wie Endspiel 2 sind auch einige andere
Probleme typische Mittelspiel Stellungen. Ich weiß nicht, ob der Begriff
"Endspiel" von Levitt eingeführt wurde oder ob es bereits Maelzel und seine
Zeitgenossen nicht so genau nahmen.
Mein
Lieblingsproblem ist Endspiel 16 (Diagr.3). Der schwarze Gewinnweg ist mit
1.... Dh8+ 2. Dg7+ Dg7#
nicht besonders
spektakulär. Weiß gewinnt mit 1. Dg8+ Dxg8 2. f8=S+ Kh8
3.Th7+ Dxh7 4. Txh7 Kg8 5. Th8+ Kxh8 6. Kf7+ Sg7 7. Lxg7#
Diagr. 3,
Endspiel 16 (Figurennotation in Englisch):
wKf6,Qg1,Be5,Ra7,b7,Pa2,b3,f7/
bKh7,Qf8,Nf5,Bd5,Ra8,d8,Pe6,h6

Levitts weißer Gewinnweg lautet schlicht und einfach "?". Das Problem ist aber
selbst für einen Schachprogrammierer, der so schlecht wie sein Freund Willy
spielt, lösbar. Außerdem sind Schachprogramme bereits erfunden worden.
Auch die Nummer
9 (Diagr.4) ist gut konstruiert. Beide Seiten gewinnen mit einer Ablenkung. Weiß
zieht 1.Lf4 Lf8 2. d6, Schwarz 1...Lf8 2.Le5 g3 3. Lxg3 Kxg3.
Auch Levitt gibt
für Weiß und Schwarz dieselbe Lösung an. Ein "?"
Diag. 4
Endspiel 9
(Figurennotation in Englisch)
Weiß:
wKh1,Bd6,Pd5,e2,f7/
Schwarz:
bKf2,Bh6,Pd4,g4
Insgesamt enthält das grüne Buch 17
Studien.
Levitt hat bei fast allen Stellungen einen schweren Schnitzer
gemacht. Es ist wirklich bitter, wie jemand den Fang seines Sammlerlebens durch
unglaubliche Ignoranz skelettiert. Warum hat er sich nicht wenigstens ein
Schachprogramm zugelegt? Es muss ja nicht gleich Hans Berliner sein, aber in
ganz Florida wird doch zumindest eine Person aufzutreiben sein, die
schachspielen kann?
Typisch
Sammler:
Mag. Franz
Pötscher erstellt für Mühl- und Waldviertler Gemeinden Museumskonzepte.
Leidenschaftliche Sammler zum Thema das bäuerliche Leben sind eine
charakteristische Spezies des Granithochlandes. Irgendwann ist die letzte
Scheune voll, die Frau droht mit Scheidung weil auch das Schlafzimmer und die
Küche vollgestopft werden. Einsichtige Bürgermeister rufen dann Franz zu Hilfe.
Er soll die wertvollen Teile der Sammlung in das bereits bestehende oder in ein
neu zu errichtendes Gemeindemuseum unterbringen. Als ich Franz von der
Levitt´schen Endspieltragödie erzählte, meinte er nur ganz trocken. "Das ist
ganz typisch für einen Sammler. Ich habe noch nie einen getroffen, der sich was
sagen hat lassen. Außerdem überlassen die lieber ihre Frau als ihre
Sammlerstücke einem anderen". Auch das Verhalten der Bibliothek war für Franz
logisch. "Ich tät eher einen Junkie ein Kilo Herion als einem Sammler ein
kostbares Stück in die Hand geben. Des is weg".
Doppelt
gemoppelt:
Im Anhang N
präsentiert Levitt eine von J.Gaughan angefertige Rekonstruktion des Türkens.
Laut Levitt betrugen die Fertigungskosten 120.000$. Für einen Feinmechaniker ist
dies sicherlich eine interessante Aufgabe. Mich persönlich täte ein inverser
Türke mehr reizen. Der Chrilly-Türke wäre ein Automat, der einen menschlichen
Operator vortäuschen würde. Ein derartiges Projekt war bereits im Gespräch, ist
aber letztendlich am mangelnden Interesse der Republik Österreich gescheitert.
Möglicher Weise gibt es auch wirklich wichtigere Forschungsprojekte.
Aber schön
ist es doch:
Levitt wäre
wesentlich besser weggekommen, wenn meine Frau die Besprechung geschrieben hätte.
Anni ist von The Turk fasziniert. Besonders gefielen ihr die Abbildungen von
Maria Theresia, Schloß Schönbrunn und der - laut Levitt -unglücklichen Maria
Antoinette. Der Ausdruck "unglücklich" löste eine heftige häusliche Debatte aus.
Levitt bekommt von Anni dafür einen weiteren Pluspunkt, meiner Meinung nach war
Maria Antoniette eine dummdreiste Kuh, deren Schicksal man eher mit selber
Schuld kommentieren sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
In einem Punkt
sind wir uns einig. The Turk ist ein perfekt gestaltetes Buch. Der stolze Preis
von 50$ ist angesichts dieser exquisiten Ausführung durchaus gerechtfertigt. Für
Leute mit einem Faible für schöne Bücher ist The Turk uneingeschränkt zu
empfehlen. Ich habe auch schon viel schlechtere Bücher gelesen. Vielleicht bin
ich auch nur voreingenommen, weil Anni die Levitt`sche Widmung viel schöner
als jene von Knuth findet. Sollte ich einst unter die Buchautoren gehen muss ich
womöglich - anstatt dem Computer und den Katzen - der Liebe meines Lebens danken.
Gerald was hast du mir da eingebrockt.
Verwendete,
weiterführende Literatur:
Donald E.Knuth: The Art of Computer Programming, Volume 1, Fundamental
Algorithms, Third Edition, Addison-Wesely, 1997. 650 Seiten. ISBN
0-201-89683-4
Gerald M.Levitt:
The Turk, Chess Automation. McFarland&Company, Inc. Publishers. 2000. 268 Seiten,
mehr als 100 Illustrationen, Faksimilies und Photos. ISBN 0-7864-0778-6.
Stanley Kubrik:
Odyssee im Weltall 2001, VHS-Videokassete.
M.Ehn: Johann
Baptist Allgaier, Vier Annäherungsversuche. Kaissiber-Nr.11,
Juli-September 1999.
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