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Mureck ist anders


Chrilly Donninger

 

                                               Mureck ist anders

(Anm.:  Wien wirbt mit dem Slogan “Wien ist anders”)

 

                Den schlechten Mann muß man verachten,

                Der nie bedacht, was er vollbringt.

                Das ist´s ja, was den Menschen zieret,

                Und dazu ward ihm der Verstand,

                Daß er im innern Herzen spüret,

                Was er erschafft mit seiner Hand.

(F.Schiller, Die Glocke)

 

Schach ist anno 1998 in Wien eine triste Angelegenheit. Gespielt wird in den oberen Klassen in Hinterzimmern, die nur deswegen nicht unter Denkmalschutz stehen, weil sie bereits bei ihrer Erbauung heruntergekommen waren. Der Versuch an trüben Wintertagen die 25 Watt Beleuchtung auf 60 Watt aufzufrisieren wird mit einem Zusammenbruch der seit den glorreichen Tagen der Monarchie vor sich hinrostenden Stromversorgung quittiert. In den unteren Klassen muß man sich zwischen schnitzelbewehrten Halbbetrunkenen einen Platz ergattern. Die Bitte, das Radio und/oder Fernseher etwas leiser zu drehen, wird mit einem gnadenlosen “wenns Euch nicht passt, spülts halt wo anders” beantwortet. Das Erscheinungsbild der Jünger Kaissas hebt sich von diesem Ambiente nicht wesentlich ab. Einen Stock höher wiederholen die Wiener Schachfunktionäre die Grabenkämpfe der Zwischenkriegszeit zwischen Sozialdemokraten, Christlich-Sozialen und Deutschnationalen als Farce.

In meinem Fall kommt noch straferverschärfend hinzu, daß ich durch eifriges eigenes Zutun in der Schachszene ein “schon gehört” geworden bin. Auf die Frage “sind Sie nicht der ..” und der kaum zu vemeidenden Antwort “ja, der bin ich” wird mir meist ein vom Frager gespielter glorreicher Zug, den natürlich Nimzo nie und nimmer findet, mit allen seinen möglichen Varianten geschildert. Anschließend kommt die Fritz Mängelliste und der freundliche Hinweis, diese doch beim nächsten Treffen mit ChessBase weiterzugeben. Falls ich den Fehler begehe und an dieser Stelle noch immer freundlich nicke, folgt ein detaillierter Bericht über ein ziemlich patschertes Leben.

(Anm.: “Patschert”: ungeschickt, ungelenkig. “Mein patschertes Leben” ist der Titel eines autiobiographisch gefärbten Schlagers von Hans Orsolic s(ehem. Österreichischer Box Europameister)).

Als mich zu Beginn dieses Jahres Prof. Jungwirth, der Präsident des österr. Schachverbandes, angerufen hat, ob ich anläßlich der Jugend Europameisterschaft vom 4.-17.Juli 1998 in Mureck/Steiermark mit Nimzo ein Rahmenprogramm bestreiten könnte, habe ich mehr aus beruflichem Pflichtbewußtsein und Respekt vor dem Herrn Professor, den aus Begeisterung, zugesagt. Prof.Jungwirth besitzt ein in Österreich sehr wertvolles Gut. Er kennt Leute. Unter anderem auch W.Tallafuss, den schachbegeisterten Betriebsratsobmann von IBM Österreich. Und so wurde, trotz Bedenken des IBM-Managements, “dieses Schachprogramm da” könnte die Deep-Blue Reputation IBMs in der Öffentlichkeit beschädigen, das Schach joint venture Nimzo Werkstatt – IBM gegründet. IBM stellte für Nimzo den momentan heißesten Pentium und zur Belebung des Kampfgeistes der meschlichen Gegner, ein wertvolles Notebook für den besten Nimzo-Töter zur Verfügung. Als IBM Techniker agierte Fernschach IM Wolfgang Zugrav, der, welch Zufälle das Leben manchmal spielt, seit Jahren in seiner Freizeit die Nimzo Turniermaschinen zusammenbaut.

Die 1700 Seelen Stadt Mureck liegt am Südrand des vom Weinbau geprägten südoststeirischen Hügellandes, von Kennern auch die “Österreichische Toskana” genannt. Laut einem bodenstämmigen Gedicht soll der liebe Gott, als er diese Gegend einmal besucht hatte, geäußert haben “Jetzt muas I mi scho ziemlich lobn, da ist´s ja schena wia bei mia obn” (jetzt muß ich mich schon ziemlich loben, da ist es ja schöner wie bei mir oben). Durch die Grenzlage zu Slowenien wurde die Gegend in den letzten Jahrzehnten nicht mit wirtschaftlichen Reichtum überhäuft. Die Segnungen der modernen Zivilisation, wie Shopping Center und McDonalds, sind daher mangels Kaufkraft noch nicht nach Mureck vorgedrungen. Auf dem Stadtplatz fehlt sogar ein C&A oder ein Schöps, dafür sind noch so exotische Gewerbe wie Fleischhauer und Bäcker anzutreffen. Die Moderne kommt im Freitzeitpark zu ihrem Recht. Eine geräumige Tennishalle, in der auch von Zeit zu Zeit der aus der Gegend stammende Thomas Muster die Bälle durch die Gegend prügelt, wurde zum Turniersaal umfunktioniert. Über 700 Kinder und Jugendliche lieferten sich in 4 Altersklassen (jeweils männlich und weiblich) auf erstaunlichen Niveau stehende Kämpfe. Wahrscheinlich hätte ich nur bei den Unter10 Mädchen eine kleine Chance auf den vorletzten Platz gehabt. Bei den dominierenden Ländern aus den GUS Ländern wimmelte es auch im Betreuerstab nur so von IM´s und GM´s. Der Wiener Schachverlag war durch einen großen Bücherstand vertreten. Sein Eigentümer, der auch Kaissiba Lesern nicht unbekannte Michael Ehn, strahlte übers ganze Gesicht. “Endlich einmal wieder Leute, die noch was lernen wollen und Bücher kaufen.”

Die auch zahlenmäßig überlegenen Teilnehmer aus den östlichen Teilen Europas hatten noch nie etwas von Nimzo und seinem Schöpfer gehört. Schon schon aus sprachlichen Gründen wollte mir daher keiner sein Leben erzählen. Für folgenden Standarddialog reichten die beiderseitigen Englischkenntnisse aber doch “Ist das Fritz?”. “Nein, das ist mein Schachprogramm Nimzo”. “Ist das so gut wie Fritz?”. “Ja, es ist sogar etwas besser”. Notgedrungen habe ich mich bereits damit abgefunden, daß es selbst im Nimzo Team eingefleischte Anhänger der Fritz/ChessBase Glaubensgemeinschaft gibt. Daß ChessBase aber schon ganz Aserbeidschan, Turkmenien, Georgien .... missioniert hat, war doch ein kleiner Schock. So mancher östliche Fritz-Jünger war von den ChessBase Gurus aber besser instruiert als erwartet. Auf die Antwort “Nimzo ist besser” folgte  “und warum ist Fritz dann die Nummer 1 (auf der schwedischen Liste)?”. Mit “im direkten Verleich ist Nimzo besser, gegen andere Programme macht aber Fritz mehr Punkte” konnte ich diesen Ballwechsel aber offen halten. An diesem Punkt endete meist das gemeinsame Vokabular und man beschloß sich in Schach weiter zu unterhalten.

Watschenmann für Masochisten:

(Anm.: Im Wiener Wurstelprater kann man gegen Bezahlung einer geringen Gebühr auf eine menschenähnliche Attrape hinschlagen. Diese Figur heißt “Der Watschenmann”).

Um die Unterhaltung nicht zu monopolisieren, oder wie Wolfgang Zugrav es ausdrückte, “jeder hat ein Recht auf eine Nimzo Watsche”, wurden die Partien mit der Fischeruhr, 5 Minuten Basiszeit plus 5 Sekunden pro Zug absolviert. Wolfgang führte die Steine am Brett und drückte für Nimzo die Uhr, ich bediente das Programm. Das war brutaler als Simmering gegen Kapfenberg. Selbst 2500 Elo Spieler konnten die Partie nur kurze Zeit unter Kontrolle halten. Nach ungefähr 10 Zügen (nach der Eröffnung) verloren sie im allgemeinen Tumult die Übersicht und wurden von einem taktischen Heumacher von Nimzo zu Boden geschickt. Besonders erstaunt war ich über die Tatsache, daß selbst GM´s noch angestrengt nachdachten und eine Konterchance witterten, während Nimzo bereits ein Matt in 6-8 ansagte. Nach meinen Beobachtungen liegt der menschliche Horizont in dieser Leistungskategorie im Blitzschach bei Matt in 4. Auch die übrigen taktischen Wendungen von Nimzo wurden bis zu dieser “Suchtiefe” registriert. Auf einem 400er Pentium berechnet das Programm aber selbst im Blitzschach die taktisch scharfen Varianten auf ca. die doppelte Tiefe. Zwischen dem Nimzo Rufzeichen und der Verfärbung der Gesichtsfarbe beim Gegner lagen meist 3-4 Züge. Obwohl es manche nicht wahrhaben wollten und sie es unter dem Gejohle ihrer Schützlinge immer wieder probierten, waren diese Partien bereits ein Wettlauf Pferd gegen Motorrad. Bis auf die kleine Freude, daß auch die eingeschworrensten Fritzianer spätestens nach der zweiten Abfertigung den Hut zogen, waren diese Partien für mich keine Befriedigung mehr. Siegen ist nur dann schön, wenn man auch verlieren kann. Von den 53 gespielten Schnellpartien endeten am Ende 3 mit Remis, der Rest verlief weitgehend nach obigen Schema. Auch die 3 Remis-Partien hätten mit einem eingebauten “Remis-Faktor” mit ziemlicher Sicherheit vermieden werden können. Das Programm bewertete in diesem Spielen die Stellung nach der Eröffnung leicht negativ und lenkte zur Freude des Gegners in eine Zugwiederholung ein.

Die nächste Generation:

Interessanter Weise machten die auf dem Elo-Papier schwächeren Jugendlichen eine bessere Figur als ihre betitelten Betreuer. Einige Betreuer fragten warum Nimzo in der Eröffnung diesen und jenen “komischen Zug” gespielt hätte. Der in der Eröffnungstheorie ziemlich beschlagene Fernschach IM Wolfgang Zugrav erklärte ihnen dann meist, dies sei diese und jene vom Supergroßmeister X jüngst gespielte Variante. Zu unserem Erstaunen klopften dann 10 jährige Knirpse dieselben Varianten ohne mit der Wimper zu zucken bis zum 20-ten Zug herunter.

Während dieser 53 Blitzpartien kam bei mir nur einmal ein angenehmes Prickeln auf. Dieses verdanke ich dem 13-jährigen Deutschen EM Teilnehmer Jörg Wegerle. Jörg lernt seit seinem 7-ten Lebensjahr sein Schachhandwerk beim VLK Lampertheim. Seit der Saison 97/98 spielt er für den SC Viernheim in der 2-ten Mannschaft. Sein bisher größter Erfolg war der erste Platz bei den Deutschen Jugendmeisterschaft in der Klasse U11 im Jahr 1996. Als Jörg spielte dachte ich mir “endlich einer, der weiß wie man mit der Geis ackert”. Am Ende reichte es dennoch nicht, aber meiner Meinung hätte Jörg den IBM Notebook verdient. Jörg hat für diese Kolummne diese Partie freundlicher Weise kommentiert. Werte Leser, stellen sie sich vor, sie sitzen einem 400 MHz Monster gegenüber, hinter ihnen 30 Schachspieler, die sich bereits drängen als Nächster dranzukommen, weil dieser Kleine doch höchstens ein paar Züge überlebt. Auf einmal wird es ziemlich still, der Programmierer vernichtet seinen ersten Fingernagel und sie spielen diese Partie:

Wegerle (2140) - Nimzo98 (2620) [A29]

Human vs. IBM/Nimzo98 Mureck (27), 16.07.1998 [Wegerle]
1.c4 e5 2.g3
Eine wie ich finde gute Alternative zum Üblichen Sc3. 2...Sf6 3.Lg2 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Sc3 Schwarz hat nun drei Möglichkeiten 1. 5... Sb6 (siehe Partie) 2. 5...Sxc3 3 5...c6 5...Sb6 6.Sf3 Sc6 7.0-0 Le7 8.d3 0-0 9.a3 Le6 10.b4 a5!? Die Idee von a5 ist es das Feld b3 als ewige Schwäche zu makieren. [10...f5 und nach ... 11.Lb2 Ld6 12.Sd2² Stand Weiss besser aufgrund der langen Diagonale und den Feldern c5 und a5. Makarov-Tiviakov Rus-ch 1994 Elista.; 10...f6 11.Lb2 Dd7 12.Se4 Weiss spielt auf das Feld c5. 12...Tfd8 13.Dc2 Lf8 14.Tac1² Und Weiss stand in Portisch-Petrosian Minsk 1983 besser.] 11.b5 Sd4! 12.Lb2 [12.Sxe5? Lf6 13.Sc4 (13.f4?! Sb3 Droht Dd4 und Sxa1. 14.Le3 Sxa1 15.Dxa1 Sd5 16.Sxd5 Lxd5µ) 13...Sxb5 14.Sxb5 Lxa1 15.Sxb6 cxb6 16.Lxb7 Tb8 17.Lf3³; 12.Sd2 Und Schwarz kommt nicht nach b3. 12...Ld5 Gilt laut Theorie als gut. Meiner Meinung nach hat Schwarz nur kurz Vorteil, denn Weiss tauscht erstmal 2 Leichtfiguren ab, spielt a4 und je nach dem wie Schwarz spielt entweder mit f3 Se4 oder Lb2 und Sc4. (12...a4!? 13.Lxb7 Ta5 14.Tb1 De8 15.Sf3 Lh3 16.Te1 Sxb5 17.Sxb5 Txb5 18.Txb5 Dxb5 19.Dc2=) 13.Sxd5 Sxd5 14.Lxd5 Dxd5 15.a4 Tad8 16.Sc4=] 12...Sb3 13.Tb1 f6 14.La1 [14.Sd2 Unterliess ich wegen... 14...Sc5 Und schwarzem Raumvorteil.] 14...Sxa1 [14...Sc5?! 15.d4!? exd4 16.Sxd4 Lc4 17.Sf5= Und Weiss hat keine Probleme.] 15.Txa1 Tc8 16.Sd2 Sd5?! Schwarz sollte keine Figuren tauschen denn er hat einen bauernstrukturellen Nachteil mit dem c-Bauern. 17.Sxd5 Lxd5 18.a4 Lxg2 [18...c6!? Hat die Idee die c-Linie einfach in Besitz zu nehmen. 19.bxc6 bxc6 20.Dc2 (20.Lxd5+?! cxd5 21.Tc1 Dd7 22.Db3 Lb4³ Schwarz diktiert das Geschehen.) 20...Lb4= Und Schwarz steht wegen seines Läuferpaars nicht viel, aber etwas besser.] 19.Kxg2 Lb4 20.Db3+ Kh8 21.Se4 f5 22.Sc3 f4?! Schwarz schwaecht sich doch nur mit f4. (Feld e4.) 23.f3 Dd4 24.Tac1?! Weiss sollte zuerst den guten Springer retten. [24.Se4²] 24...fxg3 25.hxg3 Tfd8?! Schwarz sollte Lxc3 spielen. 26.Se4² Weiss steht besser weil der Springer auf e4 nicht zu vertreiben ist, er den Isolanie auf e5 blockiert und weil der Weisse einfach nach derAuflösung, des rückständigen c - Bauern, die bessere Bauernstruktur hat. 26...De3 27.Tc2 c6 28.bxc6 Txc6 [28...bxc6?! Nach 28... bxc6 steht Weiss wegen noch mehr Angriffsmöglichkeiten, noch besserer als in der Partie. 29.Th1²] 29.Txc6 bxc6 30.Dc2 Tf8 31.Th1 h6 32.g4 Weiss spielt g4 weil er in einem günstigen Augenblick evtl. g5 spielen möchte. 32...Tb8 33.Db2 Tf8 34.g5?! Zu früh. [34.Th5! Bindet den Turm vorerst an den Bauern e5. 34...Te8 35.g5 Df4 Deckt e5. 36.gxh6 gxh6 37.Kf2± Weiss steht aufgrunde seines mächtigen Springers und der schlechten schwarzen Bauernstellung deutlich besser.] 34...Kh7 35.Dc2 Droht d4 nebst Matt in zwei. 35...Tf5 36.gxh6 gxh6 37.d4 Kg8 38.dxe5 Txe5 39.Dc4+ Kf8 40.Th4 Le7 41.Tg4 Lg5 42.Sxg5? Tauscht den guten Springer gegen den nicht so guten Läufer und damit tauscht man auch Gewinnchanchen gegen Remichancen. [42.Kh3!² Geht allen einzügigen Schachs aus dem Weg und kann damit vielleicht ein wichtiges Tempo gewinnen.] 42...hxg5 43.Kf1?! [43.Te4 Txe4 44.fxe4 c5³ Bietet bessere Remischancen als die Partiefortsetzung fuer Weiss.] 43...Tc5 44.Dd4? [44.Te4! Damit wäre das Remis sicher gewesen. 44...Txc4 45.Txe3 Txa4 46.Tc3=] 44...Tc1+µ 45.Kg2 Dxe2+ 46.Kg3 De1+ 47.Df2 De5+ 48.Kg2 Dc3 49.Te4 c5 [49...Tc2?! 50.Te2 Txe2 51.Dxe2µ Ist meiner Meinung nach zu gefährlich fuer Schwarz] 50.Kg3 Tc2 51.De1 [51.Df1µ Hält die Stellung länger spannender und hat vielleicht mal die Idee einen Damenausfall in die Nähe des gegnerischen Königs auszuführen.] 51...Dxe1+ 52.Txe1 Kf7 53.Te5?? Vergibt die letzten Remischancen [53.Tb1! Tc4 54.Tb5 Txa4 55.Txc5µ Mit guten Remischancen.] 53...Kf6�+ 54.Td5 Tc4 55.Td6+ Ke5 56.Tg6 Txa4 57.Txg5+ Kd6 58.Tg6+ Kd5 59.Tg5+ Kc6 60.Tg6+ Kb5 61.Kf2 Ta1 62.Ke3 a4 63.Tg8 a3 64.Kd3 Td1+ 0-1

Donners zweieinhalbfacher Irrtum:

Nach der allgemeinen Publikumsabwatschung am vorletzten EM-Tag wurde es zum EM-Finale etwas ernster. Die Sieger der männlichen und weiblichen U18 Kategorie traten in einer jeweils auf 1 Stunde angesetzten Partie gegen das Programm an. Als Siegesprämie winkte ein von IBM zur Verfügung gestellter Notebook.

Laut GM Donner, dem genialsten Spötter der Schachgeschichte, werden zwei "Dinge" niemals meisterhaft Schach spielen: Frauen und Computer. Beiden fehle es an der dazu notwendigen Phantasie und Kreativität. In den Donnerschen "Fallstudien" geistern in strenge Kostüme gepresste, mit Doktorköfferchen bewehrte, Fräuleins durch die Schachszene der frühen 70er Jahre.  Dana Reizniece, die lettische Siegerin der weiblichen U18 Kategorie widerlegte Donner aber in doppelter Hinsicht. Erstens spielte sie ein wirklich sehenswertes Schach. Zweitens ist sie alles andere als ein strenges Fräulein. In meinen Augen wäre sie die ideale Hauptdarstellerin für eine Schneewitchen Verfilmung. Ein Schachprogramm während einer Turnierpartie zu bedienen gehört nicht zu den vergnüglichen Seiten des Lebens. Dementsprechend ist auch der Andrang an Freiwilligen normaler Weise ziemlich gering. Beim Spiel Nimzo gegen Dana meldeten sich einige Zwerge die nimzobedienend zwei Stunden mit Schneewitchen an einem Tisch sitzen wollten.

Zweiffellos hat Meister Donner recht, wenn er Computern jede Kreativität abspricht. Auf Grund der diversen Mensch-Computer Partien der letzten Zeit habe ich aber meine Zweifel, ob diese wirklich so wichtig ist. Nimzo spielte in den 56 Murecker Partien einige Züge, die, falls von einem Menschen aufs Brett gezaubert, das Prädikat "für eine Blitzpartie genial" erhalten hätten. Diese Genialität war das Produkt rein mechanischer Berechnung. Auch in der Programmierung des Programmes selbst steckt keinerlei Genialität sondern es gilt einzig und alleins Schillers "von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiss". Möglicher Weise ist Genialität überhaupt nur eine Kombiniation von Segen von oben und besonders konzentrierter Form von Schweiß.

In der Auseinandersetzung Mensch-Computer ist es für den Menschen von entscheidender Bedeutung, ob er die Stellung “zusammenhalten” kann. Sobald das Geschehen chaotisch-unübersichtlich wird, hat der Computer die Oberhand. Dana führt in dieser Partie vor, wie man es macht. Sie bot Nimzo keine Angriffspunkte, das Programm konnte die 400 MHz nie auf die Straße bringen. Allerdings kann man ohne selbst ein Risiko einzugehen auch schwer gewinnen.

 

Reizniece,D (2170) - Nimzo98 (2620), [A07]

Human vs. IBM/Nimzo98 Mureck (35), 17.07.1998

1.Sf3 d5 2.g3 Sf6 3.Lg2 c6 4.0�0 Lg4 5.d3 Sbd7 6.Sbd2 e5 7.e4 dxe4 8.dxe4 Lc5 9.Sc4 Theorie ist 9.h2-h3  0�0 10.De1 Te8 11.Ld2 b5 12.Se3 Lxe3 13.Dxe3 Sb6 14.Lc3 Sc4 15.De1 a5 16.b3 b4 17.bxc4 bxc3 18.Dxc3 Sxe4 19.De3 Sd6 20.Dc5 e4 21.Tfd1 Df6 22.Dxd6 Te6 23.Dd4 exf3 wahrscheinlich ist hier Lxf3 besser. Schwarz fährt in den folgenden Zügen relativ ratlos durch die Gegend, Weiss erzielt sukessive einen positionellen Vorteil 24.Dxg4 fxg2 25.Kxg2 Dc3 26.Dd4 Dxc2 27.Td2 Df5 28.Tad1 Tae8 29.Dd3 Dc5 30.Dd4 Db4 31.Dg4 Df8 32.Td4 c5 33.Tf4 Te2 34.Td7 T8e7 35.Txe7 Txe7 36.Tf5 Te8 37.Td5 De7 38.Td7 De5 39.Df3 Nimzo findet hierTa7 wesentlich stärker. Dana war aber bereits in Zeitnot. Sie lenkt daher in eine Remisstellung ein. f6 40.Dd5+ Dxd5+ 41.Txd5 Te2 42.a4 Ta2 43.Txc5 Txa4 44.Td5 Kf7 45.Td7+ Kg6 46.Ta7 Txc4 ½-½

Erwartungsgemäß wurde die EM von den Teilnehmern aus den östlichen Ländern Europas dominiert.  Für den Nachschub an GUS-Großmeistern und Großmeisterinnen ist gesorgt. In diesen Ländern ist Schach ein Leistungssport wie Leichtathletik , Schwimmen oder Fußball. Wahrscheinlich sind die Niederlande das einzig westeuropäische Land, in dem Schach einen zumindest ungefähr vergleichbaren Stellenwert besitzt. Während in Osteuropa Schach auch dazu dient die tristen gesellschaftlichen Verhältnisse zu vergessen, dürfte es in den Niederlanden vom meist tristen Wetter und der Angst, vom hereinbrechenden Meer ersäuft zu werden, ablenken.  Jedenfalls wurde die männliche U18 Kategorie zur Freude des relativ großen niederländischen Teams von Denis de Vreugt gewonnen. Denis kämpfte gegen Nimzo mit offenen Visier und bot dadurch dem Programm jene Anknüpfungspunkte, die im Match gegen Dana fehlten.

De Vreugt, D. (2350) - Nimzo98 (2620)  [C90]
Human vs. IBM/Nimzo98 Mureck (36), 17.07.1998

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0�0 Le7 6.d3 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0�0 9.Te1 Sa5 10.Lc2 c5 11.Sbd2 Sc6 12.Sf1 Te8 13.Se3 Ld7 14.d4
Bis hierher war es Theorie. Nimzo erwartete Ld2. Die Öffnung der Stellung behagt Schwarz. exd4 15.cxd4 Lf8 16.dxc5 Nimzo findet d5 stärker dxc5 17.a4 ein anscheinend natürlicher Zug bxa4  die als Kommentatorin engagierte GM Nina Alexandria bezeichnete diesen Zug als unschön, mußte aber bereits kurz darauf eingestehen, daß er irgendwie doch gut ist , wahrscheinlich hat auch Weiß nicht mit dieser Widerlegung gerechent. 18.Sc4 Sb4 19.Lg5 Lb5 20.Lxf6 Nimzo schlägt hier De2 vor. Dxf6 21.e5 Dh6 22.Sfd2 Nimzo würde hier Te4 spielen. Die weiße Stellung ist aber schon schwierig geworden. Tad8 23.Lxa4?? Game over, insert new coin. Laut Nimzo ist Dc1 notwendig. Lxc4 24.Lxe8 Txd2 und die weiße Stellung bricht zusammen 0�1

20 Jahre in 5 Minuten:

WGM Nina Alexandria gehörte Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre zur absoluten Spitze im Frauenschach. Sie war in Mureck als Betreuerin und bei den Partien Reizniece-Nimzo98 und De Vreugt-Nimzo98 zusammen mit Wolfgang Zugrav bzw. ÖM Lothar Karrer als Kommentatorin tätig. Offensichtlich verspürte sie beim Kommentieren ein gewisses Kribbeln. Lothar konnte sie sehr leicht zu einer Demonstrationspartie mit 30 Minuten pro Seite überreden.

WGM Alexandria,N (2330) - Nimzo98 (2620)
Human vs. IBM/Nimzo98 Mureck (37), 17.07.1998

1.d4 d5 2.Lg5 f6 3.Lh4 Sh6 4.e3 Sf5 5.Lg3 h5 6.h4 Nina ist inzwischen eine junge Oma geworden.  Vor ein paar Sekunden saß mir eine mild lächelnde Dame gegenüber.  Plötzlich ist die alte Kampfeslust da. Ich blicke in die Augen einer wild entschlossenen Tigerin und bin froh, daß ihr Nimzo und nicht ich selber standhalten muß. Theorie ist hier Le2, aber daß ist für Nina wohl zu zaghaft.  Sxg3 7.fxg3 e5 8.Le2 Ld6 9.Lxh5+ Ke7 Programme kennen keine Angst. 10.Lg4 exd4 11.Df3?! Nimzo schlägt hier e3xd4 vor. Schwarz neutralisiert mit den folgenden Zügen den weißen Angriff. Weiss hat für das geopferte Material keine ausreichende Kompensation. Sc6 12.Lxc8 Dxc8 13.Se2 De6 14.Sf4 Lxf4 15.Dxf4 Dxe3+ 16.Kd1 Dxf4 17.gxf4 Sa5 18.Sd2 c5 19.b4 cxb4 20.Sf3 Sc6 21.Kd2 Tae8 22.Kd3 Kd6 23.Tae1 a5 24.g4?? Wie anschließende Analysen zeigten, konnte Weiß mit dem von Nimzo vorgeschlagenen Generalabtausch auf der e-Linie die Partie noch Remis halten.  Te4! die Genialität der Mechanik. Dieser Zug traf Nina wie ein Keulenschlag. Plötzlich saß mir eine alte Frau gegenüber. 25.Txe4 nach f5 ist die schwarze Stellung ebenfalls hoffnungslos. dxe4+ 26.Kxe4 Te8+ 27.Se5 fxe5 28.f5 Sb8 29.g5 Weiss rechnet sich noch Chancen durch den Bauernvormarsch aus.  Tc8  die - für ein Programm - simple Widerlegung.  Schwarz droht Matt. 30.h5  Weiß sieht die Mattdrohung noch nicht. Tc3 dem weißen König wird die Schlinge umgelegt. 31.f6 Ke6 0-1

Auf die Frage, warum ich mich - angesichts der Probleme in der Welt - mit etwas so sinnlosem wie Computerschach beschäftige, antworte ich meist: "Wenigstens richte ich damit keinen Schaden an". Nach dieser Partie war ich mir darüber nicht mehr so sicher. Meine Schöpfung hatte einer liebenswürdigen Person ganz sichtbar Leid zugefügt. Nina fand aber sehr bald ihr Gleichgewicht wieder. Sie hatte, wie von Nimzo erwartet, zuerst 24) Txe8, Txe8 25) Te1 Txe1 spielen wollen und sich dann in einer Impulshandlung zum fragwürdigen 24) g4 hinreißen lassen.  Nach diesem Abtausch bekommt sogar Schwarz Schwierigkeiten das Remise zu halten. Die weisse Mehrheit am Königsflügel ist viel dynamischer als die scheinbare Dominanz von Schwarz am Damenflügel. Die Erkenntnis, daß sie nach einer fragwürdigen Eröffnung die Partie eigentlich noch Remis gehalten hatte, beflügelte Nina unglaublich. Aus der alten Frau wurde schlagartig ein junges glucksendes Mädchen. Mein schlechtes Gewissen war vollkommen unnötig. Wahrscheinlich hatte ich ihr einen genauso vergnüglichen Nachmittag bereitet wie sie mir.

Die Wacht an der Mur:

Während meiner Gymnasialzeit beleidigte ich einmal den Lateinlehrer. Als Strafe mußte ich "Die Glocke" von Friedrich Schiller auswendig lernen. Damit wußte ich, wozu (klassische) Kunst gut ist. Zu Schiller habe ich seither ein inniges Verhältnis. Ein Schiller-Denkmal am Stadtplatz von Mureck stach mir daher sofort in die Augen. Möglicher Weise ist auch ÖM Lothar Karrer in der Schule zu vorlaut gewesen.  Er hatte dasselbe Schillersche Ahaerlebnis und so frugen wir bei der durch ein heftiges Gewitter stimmungsvoll umrandeten EM-Siegerehrung den Murecker Bürgermeister, wie den der deutsche Dichterheros nach Mureck gekommen ist. Es war ihm sichtlich peinlich, aber er wußte es nicht. Auch die per Handy an die örtliche Intelligenz durchgegebenen Anfragen ergaben nichts. Als letzte Rettung trieb er schließlich mit den Worten "wenns der nicht weiß, dann weiß es keiner" den Leiter der Musikschule auf. Dieser enttäuschte seinem Chef nicht und schüttelte prompt eine Erklärung aus dem Ärmel. Schiller sei natürlich nie bis Mureck gekommen, aber deutschnational gesinnte Sänger hätten anno 1905, anläßlich des 100-ten Todestages, seine Statue als Bollwerk des deutschen Geistes gegen das auf dem anderen Flußufer lauernde Slawentum aufgestellt.  Diese Theorie passt zu den am Denkmal eingemeiselten Daten und Zitaten.

Des Bürgermeisters Bildungslücke war kein Zufall. In seiner Ansprache erwähnte er die EM mehrmals als sichtbares Beispiel dafür, daß Europa viel größer als Schengenland sei. Für Mureck und die gesamte Region gibt es eigentlich nur eine wirtschaftliche Perspektive um aus der Randlage herauszukommen. Die weitere Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem benachbarten, wirtschaftlich und kulturell dynamischen Slowenien. Ein von Biedermännern und Brandstiftern beschlagnahmter Dichterrebel ist in dieser Perspektive schmutziggrau gewordener Schnee von vorgestern.