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Der Schachtürke

Der erste Schachcomputer war keiner
Von André Schulz

PhilidorAn einem lauen Sommerabend im Paris des Jahres 1783 klingelte es an der Tür der Wohnung von Francois-André Damican, genannt Philidor. Zur Überraschung des Meisters war der österreichische Hofbeamte und Erfinder Wolfgang von Kempelen erschienen und bat um eine Unterredung.

Philidor, 1726 geboren, an jenem Abend also 57 Jahre also, entstammte einer Musikerfamilie. Sein Vater war früh gestorben. Schon mit 14 Jahren trieb er sich im berühmten Café de la Régence herum und verdiente sich sein Geld mit Schach spielen. So wurde er der beste Schachspieler der Welt. Später komponierte er und strebte nach Ansehen als Musiker, was nicht recht gelang. Sei Ruf als Schachspieler überdeckte sein zweites Talent.

Auch von Kempelen litt unter seinem Ruf. Er war überall als der Erbauer des berühmten "Schachtürken" bekannt. Doch er sah sich selber als Erfinder und Gelehrter, dessen Hauptarbeit in der Erfindung einer "Sprechmaschine" lag. Am nächsten Tag sollte es jedoch zu einem Wettkampf zwischen dem besten Schachspieler der Welt und dem außergewöhnlichen Schachapparat Von Kempelens kommen. Die Maschine sah aus wie ein Türke, der hinter einem Tisch saß. Eine Maschine, die Schach spielte, und zwar ausgezeichnet.

Von Kempelen hatte offenbar kein zu großes Zutrauen zu den Künsten seiner Schöpfung und bat Philidor offen um nichts Weiters, als dass dieser absichtlich verlieren möge, damit er mit dem Ruf, den "Weltmeister" (den Titel gab es damals noch nicht) geschlagen zu haben, weitere Einnahmequellen eröffnen könne. Philidor soll zugestimmt haben, unter der Bedingung, dass der Türke so gut spiele, dass die Niederlage plausibel erscheine. Ob Geld geflossen ist oder in Aussicht gestellt wurde? Die Episode wurde von Philidors ältestem Sohn André berichtet. Der Türke war aber nicht gut genug und Philidor gewann die Partie am nächsten Tag. Danach soll er aber gesagt haben, dass ihn noch nie eine Partie gegen einen menschlichen Gegner so ermüdet habe, wie die gegen den Automaten. offenbar war er überzeugt, gegen eine MAschine gespielt zu haben. Trotz der Niederlage mehrte der Wettkampf die Bekanntheit des Türken im Europa das ausgehenden 18.Jahrhundert.


"Der Türke" von Tom Standage

Diese Geschichte ereignete sich vor 220 Jahren. Kürzlich erschien im Campus Verlag die deutsche Übersetzung des Buches von Tom Standage "The Mechanical Turk" mit dem Titel "Der Türke." Der englische Wissenschaftsjournalist beschreibt den Mythos des Schachtürken und damit ein Stück Technologiegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Damals waren sich die Zuschauer, die für die Attraktion, den Schachtürken zu sehen, Eintritt zahlten, nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine Maschine handelte, oder aber um einen Trick, den sie nur nicht verstanden. Saß ein Mensch verborgen in der Maschine? Aber wie konnte er sich vor den Blicken der Zuschauer bei Öffnung der Maschine verbergen?

Heute wird Schach viel über das Internet gespielt. Die Menschen sitzen an ganz verschiedenen Orten in der Welt, wenn sie gegeneinander spielen und sehen sich nicht. Die Frage von damals ist immer noch die gleiche, doch sie hat sich um 180 Grad gedreht. Wenn heute betrogen wird, dann mit Hilfe von Computern. Die Schachautomaten von heute sind fast unschlagbar. Nur noch die besten Profis der Welt können mithalten. Und niemand glaubt, dass ein Mensch im Computer sitzt oder sonst von außen auf dessen Spiel Einfluss nimmt. Der letzte, der öffentlich solches kund getan hat, ist Gary Kasparov, der nach seiner Niederlage 1997 im Wettkampf gegen Deep Blue behauptet hatte, in der zweiten Partie hätte ein Mensch von außen eingegriffen, anders seien manche Züge nicht zu erklären.


Maria Theresia

Maria TheresiaDie Geschichte des Schachtürken nimmt ihren Anfang in der Österreichisch-Ungarischen K.u.K.-Monarchie. Hier regiert Maria-Theresia, die am 13.5.1717 in Wien geboren wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt ist die Belagerung Wiens durch die Türken (1683) gerade 34 Jahre her. Nach und nach kann Österreich die Türken auf dem Balkan und im Osten zurückdrängen und ihre Besitzungen übernehmen, darunter Ungarn. Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736) ist der große Held dieser Zeit. 

Österreich steigt zur Großmacht auf. Im Jahr 1740 stirbt Karl der IV. und hinterlässt keinen männlichen Thronerben, sondern nur eine Tochter, die 23-jährige Maria-Theresia. Friedrich der Große nutzt die Schwäche Österreichs und zieht es mit der Besetzung Schlesiens in mehrere Kriege, zuletzt den Siebenjährigen Krieg, der von 1756 bis 1763 dauert. 

Mit ihrem Mann Franz Stefan von Lothringen führt Maria-Theresia eine überaus glückliche Ehe. Das Paar bekommt bis 1756 insgesamt 16 Kinder (11 Mädchen 5 Jungen). Franz Stefan hat aber sogar noch Zeit und Energie für einige Geliebte. Trotzdem wird die Kaiserin für ihr Volk zum Musterbild für Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit. Maria-Theresia wird zur unerbittlichen Gegenspielerin des preußischen Königs, der mit den Zahlungen aus England Mitteleuropa in Unfrieden versetzt, damit England ungestört seinen Kolonialkrieg gegen Frankreich in Nordamerika und Indien führen kann. Mit dem durch den Frieden von Paris fest geschriebenen Sieg beendet England gleichzeitig seine Zahlungen an Preußen.

In die Regierungszeit Maria-Theresias fallen eine Reihe von Reformen wie Modernisierung von Verwaltung und Heerwesen, Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Abschaffung der Folter und Zurückdrängen des klerikalen Einflusses. Die junge Maria-Theresia wird als impulsiv und lebenslustig beschreiben, nicht übermäßig gebildet, aber musikalisch.


Wolfgang von Kempelen und Pelletier

Wolfgang von Kempelen war ein hoher Beamter am österreichischen Hof mit vielfachen Begabungen. Er war 1734 im ungarischen Poszony geboren, das heutige Bratislava (Slowakei, dt.: Preßburg). Nach seinem Studium wurde er 21-jährig am Wiener Hof eingeführt und erhielt die Aufgabe das nur in lateinisch vorliegende bürgerliche Gesetzbuch Ungarns ins Deutsche zu übersetzen. Kempelen löste dies in wenigen Tagen mit Bravour. Er stieg zum kaiserlichen Hofsekretär, später zum Hofkammerrat auf und bezog ein ansehnliches Einkommen, aus dem er in seiner Freizeit wissenschaftliche Studien und Experimente zu Naturwissenschaften und Mechanik finanzierte. 1758 wurde er Leiter der Salzbergwerke in Transsylvanien. Dort konstruierte er ein Pumpsystem, dass die Stollen nach Wassereinbrüchen wieder frei pumpte. 1768 war er für die Koordination der Besiedlung des Banats zuständig.

Bei einem seiner Besuche in Wien wurde er zu einer Vorführung eines französischen  Zauberers eingeladen. Der Mann hieß Pelletier. Nach der Verführung äußerte sich Kempelen abfällig über dessen Künste und behauptete selbst etwas bauen zu können, was alle Welt in Erstaunen versetzen würde. Von Kempelen wurde dafür von Maria Theresia für ein halbes Jahr von seinen Pflichten frei gestellt. In Preßburg zog er sich in seine Werkstatt zurück und fing an zu bauen.

Der Schachtürke

Nach sechs Monaten erschien von Kempelen in Wien und hatte im Gepäck etwas ganz Besonders mit gebracht: Den Schachtürken. Im Frühjahr 1770 gab er seine erste Vorstellung, zu der auch die Kaiserin anwesend war. Von Kempelens Werk war ein Automat, der Schach spielen konnte. Er bestand aus einer Art Kommode, die man öffnen konnte und in der sich eine Menge Räder, uhrwerkartige Vorrichtungen, Walzen und andere mechanische Dinge befanden. Hinter der Kommode oder Tisch, war eine große Puppe, die wie ein Türke gekleidet war. Das Gerät spielte tatsächlich Schach.


Die Welt automatisiert sich

Ente von Jaques de VaucansonAutomaten waren seit Beginn des 18.Jh. die bewunderten Kunstobjekte des beginnenden Industriezeitalters. Besonders mechanische Nachbildungen von natürlichen Lebensformen erregten die höchste Aufmerksamkeit. Berühmt war die künstliche Ente von Jaques de Vaucanson, die dieser 1738 in Paris vorstellte. Sie bestand aus vergoldetem Kupfer und konnte wie eine richtige Ente trinken, fressen, quaken, im Wasser plantschen und Futter verdauen.

Die staunende Begeisterung der Zeit an der Automatisierung, die nicht einmal vor dem Lebendigen Halt zu machen scheint, findet ihren literarischen-kritischen Niederschlag in der Erzählung "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann. Der Student Nathanel verliebt sich in das Mädchen Olimpia, doch diese ist ein dem Menschen täuschend echt nachgebildeter Automat. Erst als sich die beiden Erbauer streiten wird Nathanel das Geheimnis enthüllt. "Erstarrt stand Nathanel - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Höhlen; sie war eine leblose Puppe"


Schach als Zauberei

Schon seine erste Vorführung in Wien zelebrierte Kempelen wie eine Zaubershow und hatte auch für allerlei Dinge gesorgt, die das Publikum ablenkten und verwirrten. Er öffnete die Türen des Automaten, drehte ihn herum und ließ das Publikum ihn von allen Seiten betrachten. Er platzierte ein Kissen unter dem linken Arm des Automaten, stellte die Figuren auf und nahm dann noch irgendwelche Verrichtungen im Innern des Automaten vor. Mit einem großen Schlüssel zog er auf der linken Seite eine Art Uhrwerk auf, dessen Werk man laut hören konnte.

Die erste Partie spielte der Staatsrat Graf Cobenzl. Der Automat drehte den Kopf hin und her, bewegte dann den Arm und zog tatsächlich eine Figur. Bei jedem der folgenden Züge hörten die Zuschauer, wie das Uhrwerk knarrte, das zwischendurch von Kempelen neu aufgezogen wurde. Ansonsten berührte Kempelen den Automaten nicht und schaute nur gelegentlich in ein geheimnisvolles Kästchen, über dessen Inhalt er sich ausschwieg.

Graf Cobenzl war bald verloren und musste aufgeben. Danach ließ Kempelen den Automaten noch einen weiteren Trick vorführen: Den Rösselsprung. Dabei wird ein Springer nacheinander in seiner Zugart über jedes Feld des Brettes geführt,  bis er jedes Feld einmal betreten hat und ohne dabei ein Feld doppelt zu betreten.

Diese und weitere Vorführungen erregten bei den Zuschauern allergrößtes Erstaunen und Beschreibungen davon fanden ihren Weg in die Zeitungen Europas. Der Schachtürke sorgte für Furore. Mit der Zeit wurde Kempelen das Interesse an dem Automaten lästig und er versuchte ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen. Wahrscheinlich hatte er auch Angst, dass man seinem Geheimnis auf die Spur kommen würde. Er zerlegte ihn in seine Einzelteile und ließ ihn vergammeln. 1780 starb Maria-Theresia und der Schachtürke war weitgehend vergessen.


Des Türken erste Auferstehung

Doch dann bestieg Joseph II. den Thron. Dieser brauchte neue Attraktionen für seinen Hof und erinnerte sich an den Automaten. Kempelen musste den Türken reparieren und wieder öffentlich seine Kunststücke zeigen. Erneut waren die Zuschauer, darunter der russische Großfürst begeistert. Man riet Kempelen, mit seinem Türken auf Europatournee zu gehen. Kempelen missfiel es, zum herumreisenden Schausteller degradiert zu werden, aber da der Hof es wünschte und seine Stellung dort seit dem Tode der Kaiserin geschwächt war, blieb ihm nichts anderes übrig. 1783 war der Automat so hergerichtet, dass er reisefertig war.

Café de la Régence

VoltaireParis und London waren die beiden großen Schachzentren im Europa des 18.Jh. In den siebziger und achtziger Jahren wurde es auch in den gehobenen Schichten populär. Gespielt wurde in den Kaffeehäusern. In Paris traf sich die intellektuelle Schickeria, Leute wie Voltaire (1694-1778), Jean-Jaques Rousseau (1712-1778), Benjamin Franklin (1706-1790), Napoleon (1769-1821) oder Diderot (1713-1784), im Café de la Régence. Diderot

"Wenn es gar zu kalt oder regnicht ist, flüchte ich mich in den Café de la Régence und sehe zu meiner Unterhaltung den Schachspielern zu. Paris ist der Ort in der Welt, und der Café de la Régence der Ort in Paris, wo man das Spiel am besten spielt. Da, bei Rey, versuchen sich gegeneinander der profunde Légal, der subtile Philidor, der gründliche Mayot. Da sieht man die bedeutendsten Züge, da hört man die gemeinsten Reden. Denn, kann man schon ein geistreicher Mann und großer Schachspieler zugleich sein, wie Légal, so kann man auch ein großer Schachspieler und albern zugleich sein, wie Foubert und Mayot." (Diderot, Rameaus Neffe).

Im April 1783 traf Kempelen in Paris ein. Die ersten Vorführungen fanden im Schloss von Versailles statt. Dort herrschte als Gattin von Ludwig XVI Marie Antoinette, die jüngste Tochter Maria-Theresias. Zehn Jahre später, im Oktober 1793 wird sie während der Französischen Revolution enthauptet werden. Die Franzosen nannten sie "Madame Déficit". Im Mai 1783 konnten Pariser Bürger den Automaten gegen Gebühr herausfordern oder ihm beim Spielen zuschauen. Die Pariser Öffentlichkeit war sich uneins, ob diese Maschine wirklich denken konnte, oder ob es einen Trick gibt, den man bisher nicht durchschaute. Und obwohl der Automat keineswegs jede Partie gewann, war er die Attraktion.


Der Türke gegen US-Präsident und Weltmeister

Benjamin FranklinIn Paris weilte auch Benjamin Franklin, der nun offizieller Gesandter der soeben gegründeten USA war. Franklin war Mitunterzeichner des Pariser Unabhängigkeitsvertrages und begeisterter Anhänger des Schachspiels. 1779 hatte er in London sein "The Morals of Chess" geschrieben, dass in einer überarbeiteten Version 1786 im "Columbian Magazine" in Philadelphia erscheinen wird. 1791 wird in St. Petersburg eine aus dem Französischen ins Russische übersetzte Version gedruckt. Es ist gleichzeitig das erste Schachbuch in russischer Sprache. Was für eine bewegte und geistig anregende Zeit war das 18.Jahrhundert, in der die Menschen sich Gedanken über ihr Dasein und ihre Gesellschaft machten und Staatsmänner Schachbücher schrieben. Der jetzige US-Präsident liest Comic-Strips.

Kempelen bemühte sich um eine Audienz bei Benjamin Franklin, vordergründig um mit seinem Türken eine Partie Schach gegen ihn zu spielen. Eigentlich wollte er ihm aber seine neueste Erfindung, ein Sprechmaschine vorstellen. Die Partie kam zustande, Franklin verlor, erwähnte aber später niemals die Begegnung mit dem Türken. Wie viele Staatsmänner hasste er es zu verlieren.

Im Juni kam es dann zur oben beschriebenen Begegnung mit Philidor (1726-1795). Danach reiste Kempelen nach London.


Automatisches Schach und Webmaschinen

In London gab es mehrere  Museen, in denen Automaten ausgestellt wurden, z.B. das "Mechanical Museum" am Hannover Square. Für  viele Spielzeuge wurden Mechanismen entwickelt, die später auch in den frühen Maschinen des Industriezeitalters Anwendung finden würden. Spielzeugautomaten waren die Katalysatoren für die industrielle Revolution. Einer der häufigen Besucher des Museums war ein paar Jahre später, um 1800, der achtjährige Charles Babbage. 20 Jahre danach wird Babbage auch dem Türken begegnen, noch bevor er mit der Konstruktion mechanischer Rechenmaschinen beginnt, den mechanischen Vorläufern der heutigen Computer.

Frühe Webmaschine von JacquardKempelen kam mit seinem Schachtürken gerade recht. Auch in London war man über diesen einzigartigen Automaten erstaunt. Doch nicht alle nahmen des Gesehene ohne Skepsis auf. Phillip Thicknesse schrieb, dass es unmöglich sei, dass ein Automat mit Verstand Schachzüge ausführen könne, und dass jemand im Innern des Automaten der tatsächliche Spieler war, weshalb das ganze nichts als Betrug sei.

Die vorhandenen kritischen Stimmen taten dem Erfolg des Türken keinen Abbruch. Der Erfinder Edmund Cartwright war durch die Vorführung des Schachautomaten so motiviert und von den Möglichkeiten der Mechanik überzeugt, dass er schließlich den Durchbruch bei der Konstruktion eines automatischen Webstuhls schaffte. 1799 wurde schließlich in Manchester eine Fabrik mit 400 Webstühlen eröffnet. Spätestens jetzt hatte das Zeitalter der Industrialisierung begonnen.

Kempelens Sprechmaschine wird zum Telefon

Kempelen hatte London im Herbst 1774 verlassen und setzte seine Tournee auf dem Kontinent durch mehrere Städte fort. Nach zwei Jahren Europareise war er schließlich wieder in Österreich. Dort zerlegte er den Türken, nun für ihn endgültig, in mehrere Teile und packte diese in Kisten. Sicher hatte Kempelen Angst, dass sein Geheimnis entdeckt würde, denn in Bezug auf den Türken war Kempelen ein Scharlatan. Stattdessen arbeitete er mit Nachdruck an einem ganz anderen Projekt, an einer Sprechmaschine. Bells erstes TelefonNach mehreren Entwicklungsstufen war er so weit, dass die Maschine ganze Sätze in mehreren Sprachen sprechen konnte. Die letzte Version der Maschine steht heute noch im Deutschen Museum von München. Im 19.Jh. machte der Wissenschaftler Charles Wheatstone eine Kopie davon und zeigte sie 1863 dem damals 16-jährigen Alexander Graham Bell. Dieser verwertete die Grundlagen und 1876 ging daraus das Telefon hervor.

Kempelen hatte es zum Schluss geschafft, den Türken verschwinden zu lassen. Höchstens als Figur in frei erfundenen Geschichten tauchte der Apparat immer mal wieder auf. So war der heimliche Bediener im Automaten auch nicht der polnische Patriot Worowsky, dem man nach einer Kriegsverletzung beide Beine amputiert hatte, wie in manchen Artikeln und Büchern kolportiert wurde.


Das Jahr 1, Abschaffung des Christentums, Wochen mit 10 Tagen

1789 hatte die französische Staats- und Finanzkrise zur Revolution geführt. Sie beginnt mit dem Sturm auf die Bastille am 14.Juli 1789. Es folgen Unruhen, Anarchie und die Schreckensherrschaft Robbespieres. Der Adel verlässt Frankreich. Im September 1792 tritt der neue republikanischen Kalender in Kraft. Frankreich befindet sich nun im Jahr 1. Im Mai 1794 wird das Christentum abgeschafft. Eine neue Zeitrechnung wird eingeführt: Ein Monat besteht nun aus drei Wochen à 10 Tagen. Im Juni 1794 zelebriert Robesspiere das "Fest des höchsten Wesen". Im Juli wird er gestürzt und hingerichtet. Die Machtkämpfe zwischen den verschieden Kräften dauern bis 1797. Dann bekommt Napoleon Einfluss auf das Triumvirat unter Barras. Aus Ablenkung von den inneren Problemen und drohender Invasion nach einem österreichisch-preußischen Schutzbündnis erklärt Frankreich Österreich 1792 den Krieg. Im Februar tritt England und weitere europäische Mächte in den Krieg ein. Napoleon an der Spitze des neuen und praktisch unbesiegbaren Französischen Nationalheeres ist der neue starke Mann in Frankreich und in Europa.

Kempelen starb am 26.März 1804 in Wien. Sein Automat wird aber bald danach seine Auferstehung feiern.


Johann Nepomuk Mälzel

Napoleon Bonaparte1805 zieht Napoleon erstmals als Sieger in Wien ein. 1809 nutzen die Österreicher Napoleons Feldzug in Spanien zum Aufstand, werden aber bei Wagram vernichtend geschlagen. Österreich muss erneut Gebiete abtreten und wird Binnenstaat. Napoleon bleibt nun in Schönbrunn, um einen Friedensvertrag auszuhandeln. Dort trifft er auf einen Erfinder namens Johann Nepomuk Mälzel, der ihm künstliche Gliedmaßen für verwundete Soldaten verkaufen will und außerdem von einem Schachautomaten erzählt.

Der 1772 in Regensburg geborene Mälzel hatte den Schachtürken von Kempelens Sohn gekauft und wieder hergestellt. Er war Klavierlehrer, hatte Mechanik studiert und konstruierte Musikautomaten, die er zur Schau stellte. Berühmt war sein "Panharmonicum", ein komplettes mechanisches Orchester, mit dem er 1807 die Pariser Zuschauer verblüffte. Später übertraf er sich selbst mit dem mechanischen Trompetenspieler. Mälzel bekleidete am Wiener Hof einen Posten als Hofmechanicus und war so in gewissem Sinne Nachfolger Kempelens.

Schloss Schönbrunn


Napoleon gegen den "Automaton"

1809 kam es zur Begegnung von Napoleon und dem Schachtürken. Einige Einzelheiten wurden vom Diener Napoleons in seinen Memoiren 1830 überliefert. Berichte in verschiedenen Ausschmückungsversionen erschienen auch 1834 in Magazine Pittoresque, 1836 in La Palaméde, 1839 in Fraser's Magazine ("Anatomy of the Chess Automaton"), 1844 in der Schachspalte von Illustrated London News. Danach soll Napoleon den Automaten durch regelwidrige Züge geprüft haben. Es ist ungesichert, ob danach eine richtige Partie gespielt wurde, immerhin ist eine Notation vorhanden.

Napoleon gegen den Automaten...

Napoleon war ein Schachliebhaber und hatte sich in jungen Jahren auch im Café de la Régence aufgehalten. Insgesamt sind vier seiner Partien in Datenbanken zu finden, davon zwei gegen Madame de Remussat.

Napoleon gegen Madame de Remussat

Madame der Remussat gegen Napoleon...

Napoleon gegen Madame de Remussat...

Zwischen 1809 und 1812 kaufte Napoleons Stiefsohn Eugène, ebenfalls begeisterter Schachspieler, Mälzel den Automaten für 30.000 Franc ab, dreimal soviel wie Mälzel bezahlt hatte. Er wollte unbedingt hinter sein Geheimnis kommen. Doch nach dem Kauf ließ sein Interesse nach und der Automat verrottete in Eugéne de Beauharnais' Palast in Mailand.

Ludwig van BeethovenMälzel war mit Beethoven befreundet, dem er für seine Schwerhörigkeit Hörrohre gebaut hatte. Außerdem hat er einen Vorläufer des Metronoms konstruiert, ein Gerät, das für Musikstücke einen automatischen Takt erzeugt. Nachdem es 1813 über die Rechte am Musikstück "Wellingtons Sieg" zum Streit mit Beethoven kam, reiste Mälzel nach Amsterdam und begegnete dem Erfinder Winkel, der ihm ein selbst konstruiertes Metronom zeigte, das dem heutiger Konstruktionen entspricht. Mälzel wollte Winkel die Erfindung abkaufen.

Als der sich weigerte, reiste Mälzel 1816 nach Paris und meldete eine geringfügig verbesserte Version als eigenes Patent an. Es wurde in Frankreich, England und Amerika zum Verkaufsschlager. Der Streit mit Beethoven wurde beigelegt und der Komponist machte sogar Werbung für Mälzels Metronom.

1815, Napoleon war in der Schlacht von Waterloo endgültig geschlagen, versuchte Mälzel den Schachautomaten von Eugène, inzwischen Herzog von Leuchtenberg und in München wohnhaft, zurück zu kaufen, doch er hatte nicht genügend Geld. Man einigte sich anscheinend auf Lizenzgebühren. Mälzel ging mit dem Türken und weiteren Automaten nach Paris, dann nach London.


Der Türke in London

In Spring Gaden, No 4 zeigte Mälzel bald täglich seine Automaten und ließ den Türken spielen, der so gut wie jede Partie gewann. Im Sommer 1819 ging er auf England-Tournee und wechselte nach seiner Rückkehr in die St.James Street 29, wo mehr Platz war. Das Interesse am Automaten war durch mehrere Publikationen darüber ungebrochen. Mälzel nahm kleine Modifikationen vor und installierte einen Sprechautomaten, mit dem er den Türken "check" sagen lassen konnte: Der erste sprechende Schachcomputer. Außerdem ließ er den Türken Vorgabepartien spielen. 1819/20 erschien ein Buch mit 50 Partien des Türken: "A Selection of Fifty Games from Those Plyed by the Automaton Chess Player, During its Exhibition in London 1820, Taken Down, by Permission of Mr. Maelzel, at the Time They Wer Played". Es handelte sich um 45 Gewinnpartien, drei Verlustpartien und 2 Remis. Pro Saison soll der Türke etwa 300 Partien gespielt haben.

Im Herbst 1819 besuchte der 21-jährige Robert Willis öfters die Vorstellung des Türken und sah sich den Automat dabei so genau wie möglich an. Bisher gab es alle möglichen Erklärungsversuche mit Kindern und Zwergen, Magnetismus oder unsichtbaren Drähten. Willis kam zur Erkenntnis, dass der Automat größer war, als er erschien, und dass ein erwachsener Mensch darin Platz hätte.  Anhand seiner Beobachtungen erklärte er die Funktionsweise. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er anonym in "The Edinburgh Philosophical Journal", wurde aber bald als Autor enttarnt.


Skepsis contra Babbage

Differnezmaschine nach den Plänen von Charles BabbageCharles BabageWillis argumentierte, dass kein Automat jemals von sich aus Schach spielen könne. Charles Babbage war anderer Ansicht. Babbage besuchte Vorstellungen des Türken 1819 in Spring Garden und 1820 in London. Babbage war sich sicher, dass der Türke durch einen Menschen im Innern bedient wurde, dachte aber an die Möglichkeit einen richtigen Schachautomaten zu bauen. 1821 baute Babbage an einem ersten mechanischen Rechenapparat, der Differenzmaschine, die nie fertig wurde, weil er mittendrin mit der Konstruktion einer komplizierteren "analytischen Maschine" begann, die auf dem Prinzip von Lochkarten funktionieren sollte. Babbage glaubte, dass ein entsprechend konstruierter mechanischer Apparat auch Brettspiele beherrschen könne. Er plante den Bau einer Serie von Schachmaschinen, mit denen er seine anderen Projekte finanzieren wollte, ließ dann aber davon ab, als er hörte, dass sich damit kein Geld verdienen ließe.

Aufgrund seines sehr aufwändigen Lebenswandels häufte Mälzel einen immer größer werdenden Schuldenberg an. Auf einer Reise auf dem Kontinent 1821 ließ in Amsterdam Winkel, der eigentliche Erfinder des Metronoms, Mälzel vorübergehend festnehmen. In Paris bekam er auf Veranlassung von Eugéne, dem Besitzer des Türken Ärger, der endlich Geld sehen wollte. Als Eugène starb, setzten die Erben Mälzel nach. Am 20.Dezember 1825 ließ er seine Automaten auf ein Schiff verladen und setzte sich in die USA ab.


Der Türke in der neue Welt

In den USA ging es erst einmal so weiter, wie es auch schon in den Städten Europas gewesen war. Mit Hilfe von Presseberichten erlangte Mälzel und sein Automat Popularität. In öffentlichen Vorführungen zeigt er sein Können einem staunenden Publikum. Allerdings spielte der Türke in New York nur Endspiele. Mälzel zog später nach Boston weiter, wo der Türke erstmals wieder ganze Partien absolvierte, dann im Dezember 1826 nach Philadelphia. Im April 1827 zog er nach Baltimore. Natürlich versuchte man auch in den USA hinter das Geheimnis zu kommen und es erschienen verschiedene Artikel über die mögliche Funktionsweise.

Edgar Allen PoeAm 22.April 1827 erschien plötzlich eine Kopie des Türken, "American Chess Player" genannt, der allerdings sehr viel schlechter spielte, obwohl die Mechanik offenbar besser war als beim Original. Mälzel wollte ihn den Besitzern abkaufen, man konnte sich aber nicht einigen. 1828 verschwand der American Chess Player wieder. Später kaufte Mälzel noch einen mechanischen Whistspieler auf. Der Türke wurde nun nur noch zusammen mit vielen anderen Automaten gezeigt. 1834 begegnete Mälzel dem Zirkusbesitzer P.T. Barnum, ein Jahr darauf in Richmond gehörte der 26-jährige Journalist Edgar Allen Poe zu den Besuchern. 1836 veröffentlichte Poe eine Artikel, in dem er den Türken zu enttarnen versuchte: "Mälzels Schachspieler". Er erschien im Messenger und ist in seiner Form bereits eine solche Detektivgeschichte, mit denen er später berühmt wurde.


Das Ende in Kuba


1836 zeigte Mälzel seine Show in Pittsburgh, Ende Februar 1837 in New Orleans, danach kurz in Havanna. Nach seiner Rückkehr nach Pittsburgh bereitete er eine große Aussstellung in Havanna vor, zu der auch neue Automaten angefertigt wurden und Mälzel sich wieder hoch verschuldete. Die Ausstellung in Havanna war anfangs überaus erfolgreich, so dass Mälzel sie verlängerte. Dann wurde sie zum Desaster. Wegen der beginnenden Fastenzeit blieben die Zuschauer weg, seine Sekretär und langjähriger Begleiter Schlumberger (1800-1838) starb an Gelbfieber, die anderen Angestellten gingen wegen ausbleibender Lohnzahlungen. Im Alter von 65 Jahren saß Mälzel plötzlich alleine in Kuba fest.

Am 14.Juli 1838 schiffte er sich auf der Otis ein, um nach Philadelphia zurück zu reisen. Er war ein gebrochener Mann. Mit einer Kiste Wein schloss er sich in seine Koje ein und wurde am 21.Juli dort tot aufgefunden und auf See bestattet, indem man ihm mit einer Kanonenkugel an den Füßen im Wasser versenkte. In Philadelphia war Mälzel sehr beliebt gewesen und die Bewohner waren bestürzt als sie von seinem Tode erfuhren. Noch 1859 erschien ein Artikel, der wohlwollend an Mälzel erinnerte.


Zauber ohne Zauberer

Mälzels Hinterlassenschaft, seine Automaten, wurden von seinem Freund und Gönner Ohl versteigert. Den Türken ersteigerte es selbst für 400 Dollar, verkaufte ihn aber für den gleichen Preis an den Arzt und Professor für Medizin Dr. John Kearsley Mitchell weiter. Mitchell war der Hausarzt von Edgar Allen Poe und dessen Familie, die seit 1838 in  Philadelphia wohnte. Er hatte Mälzel gekannt und bewundert und wollte herausfinden, ob Poe mit seinen Vermutungen recht hatte. Bei Ankunft der Kisten, musste er feststellen, dass viele Teile fehlten, die Pfeife, Teil des Kopfes, Türen, etc., die er nun mühsam in den anderen Kisten des Nachlasses suchen lassen musste. Er schaffte es schließlich aber, den Türken wieder zusammen zu setzten und gab Vorführungen, wobei allerdings nach der Aufführung das Geheimnis entschlüsselt wurde. Als Resultat schwand das Interesse bald.

Mitchell verkaufte den Schachtürken an das "Chinesische Museum" von Willson Peale, der dort Kuriositäten sammelte. Ende 1840 gab es noch einige Vorstellungen, doch bald geriet er und sein Geheimnis in völlige Vergessenheit und der Automat verrottete in einer Ecke des Museums. Am 25.Juli 1854 brach in einem Theater in der Nähe ein Feuer aus. Die Flammen griffen bald auf das Chinesische Museum über. Als der Sohn von John K. Mitchell, Silas Weir Mitchell, kam, um den Türken zu retten, war es schon zu spät.


Das Geheimnis wird entschlüsselt

Es hat viele Artikel über die mögliche Funktionsweise des Schachtürken gegeben, doch in keinem wurde das Geheimnis völlig enträtselt. Erst Silas Weir Mitchell hat 1857 die Funktion umfassend beschrieben. Der Türke wurde von einem erwachsenen Spieler im Innern gesteuert. Er konnte sich so bewegen, dass er beim Öffnen der Türen hintereinander nicht sichtbar wurde. Genau war der Türke eine Art Zaubertrick. Der aus mechanischer Sicht faszinierendste Teil, war der mechanische Arm, der tatsächlich von innen über ein Hebelwerk gesteuert wurde. Der Spieler im Innern hatte sich ein zweites Brett aufgebaut. Mit Hilfe von Magneten an der Unterseite des richtigen Schachbrettes außerhalb der Kiste konnte er sehen, wo die Figuren standen und welche geschlagen wurden. Er spielte dann die Züge auf seinem zweiten Brett nach und zog seine Antwort über das Hebelwerk des mechanischen Armes. Der Rösselsprung konnte ganz einfach mit Hilfe einer Papierschablone ausgeführt werden. Außerdem gab es eine Reihe von Ablenkungsvorrichtung, z.B. ein Uhrwerk, mit dem man Niesen und Husten übertönen konnte.


Alle Türken

Das Geheimnis des Türken konnte knapp 80 Jahre lang gehütet werden, weil dessen "Geheimnisträger" stille hielten, die Spieler nämlich, die den Türken von Innen bedienten. Man weiß nicht, wer den Türken zu Anfang von Kempelens Zeit bedient hat. Vermutlich verschiedene Bediener, denn die Spielstärke variierte bei den unterschiedlichen Vorstellungen. Auf Kempelens Europatournee war es offenbar ein sehr starker Spieler. In Mälzels Anfangstzeit saß der in Wien lebende Meister Johann Baptist Allgaier im Kasten. Allgaier war es, der gegen Napoleon spielte.1795 hatte Allgaier aus Württemberg (1763-1823) in Wien seine "Neue theoretisch-praktische Anweisung zum Schachspiel" veröffentlicht, das das erste Schachlehrbuch, das im Original in deutscher Sprache erschien.

Als Mälzel in Paris war, bot er Spielern des Café de la Régence den Platz im Türken an. Der erste war Boncourt. Bei Mälzels zweitem Parisbesuch spielten Aaron Alexandre und Weyle. In London spielte William Lewis, Schüler des englischen Spitzenspielers Jacob Sarrat. In einer der Partien hatte Lewis einen hartnäckigen spielstarken Gegner mit Peter Unger Williams, einem anderen Schüler Sarrats. Auch dieser übernahm den Platz im Automaten. Für seine Tournee durch nordenglische Städte engagierte er den Franzosen Jaques Francois Mouret, einen Großneffen Philidors. Dieser scheint bis 1825, als Mälzels in die USA abreiste, der Spieler im Innern gewesen zu sein. Auf dem Schiff lernte Mälzel die Seiltänzerin Auguste Freye kennen. Sie konnte kein Schach spielen. Mälzel, selbst ein guter Spieler, brachte ihr die Regeln bei und zu Anfang konzentrierte man sich auf Endspiele, die Auguste Freye mit beiden Seiten bald auswendig kannte. In New York kam sie in Verdacht, der geheimnisvolle Spieler im Innern zu sein, ab Mälzel engagierte einfach für einige Tage jemand anderen und ließ Freye im Zuschauerraum Platz nehmen, was jeden Verdacht zerstreute.

Ab Bosten saß der Elsässer Wilhelm Schlumberger im Türken. Schlumberger war für Mälzel wie ein Sohn und sein früher Tod traf ihn besonders hart. Nach Mälzels Tod wurde der Türke meist von Llyod Smith bedient. Von Smith gibt es eine Beschreibung der Erlebnisse im Innern des Türken, das in einem Archiv in Philadelphia verwahrt wird.


Vom Türken zum Computer

Auch nachdem der Türke vernichtet war, lebte sein Ruf fort und es gab Nachbauten. 1865 konstruierte Charles Hooper einen Schachautomaten, der wie ein Türke aussah und "Ajeeb" genannt wurde. Er spielte Schach und Dame. Ajeeb wurde von verschiednenen Meistern Bedient: Charles Moehle (1859-1898), US-Meister Albert Hodges (1861-1944), Constant Burille (1866-1914), und Harry Pillsbury (1872-1906). Burille spielte über 900 Schachpartien als Ajeeb und verlor nur drei. 1895 hat einer der menschlichen Verlierer gegen Ajeeb mit einem Revolver sechsmal in den Automaten geschossen und dabei den Bediener verletzt. Eine Kopie von Ajeeb existierte und spielte bis in die 40er Jahre des 20.Jh., zuletzt nur noch Dame. Er verschwand während des Zweiten Weltkrieges. Das Original war 1929 verbrannt.

Charles Geoffrey Gumpel baute 1876 eine Maschine namens "Mephisto", die von Isidor von Gunsberg aus einem Nebenraum bedient wurde. Mephisto nahm sogar an einem Schachturnier in London 1878 teil. Der irische Meister George MacDonnell weigerte sich, gegen den Automaten zu spielen und zog von Turnier zurück. 1883 schlug Mephisto (Gunsberg) Tschigorin.

Isidor GunsbergGumpel dachte darüber nach, ob man einen richtige Schachautomaten auf Lochkartenbasis erstellen könne, wie Babbage sich das gedacht hatte und errechnete, dass 500.000 Milliarden Menschen ihr ganzes Leben lang Löcher in Karten stanzen müssten, damit alle Möglichkeiten erfasst wären.

1890 konstruierte Luis Torres y Quevedo einen richtigen Automaten, der ohne menschliche Hilfe das Endspiel König und Turm gegen König spielen konnte. Er hieß "El Ajedristica".



Alan TuringDie erste richtige Partie zwischen einem Menschen und einer Maschine, genau genommen einem Menschen, der ein Computerprogramm simulierte, fand 1952 in Manchester statt. Alick Glennie spielte gegen Alan Turing. Turing spielte anhand eines Programms, in dem die Abarbeitung bestimmter Befehle festgelegt war. Das Programm war auf Papier notiert und Turing musste nach jedem Zug lange in den Papieren wühlen, um zum programmgemäßen Gegenzug zu kommen. Glennie gewann nach drei Stunden gegen Turings Papierprogramm, das übrigens die Rochade nicht kannte. Turing hatte sie vergessen. Turing hatte im zweiten Weltkrieg maßgeblich mitgeholfen, die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma zu entschlüsseln. In dieser Zeit in Bletchley-Park konstruierte den ersten Computer.

 

Ein Gespenst namens Intelligenz

1997 kam es zum berühmten Wettkampf zwischen Deep Blue und Kasparov. Im letzten Kapitel seines spannenden Buches "Der Türke" weist Tom Standage auf die vielen Parallelen zu den Wettkämpfen gegen den Türken hin. So glaubte auch Kasparov, dass Deep Blue mit menschlicher Hilfe zu seinen Zügen kam und nach dem Wettkampf erschien ein Artikel des Philosophen John Searle, in dem dieser, wie damals Thicknesse, der Maschine jegliche Intelligenz absprach. Zurecht wies Searle darauf hin, dass der Wettkampf in Wirklichkeit zwischen Kasparow und den Programmierern von Deep Blue stattfand.

Ob man eine "Denk"-Maschine als intelligent bezeichnen möchte, hängt letztlich davon ab, wie man Intelligenz definiert. Allgemein betrachtet man aber nur solche Dinge als intelligent, die in der Lage sind eigene und nicht von außen vorherbestimmte Entscheidungen zu treffen. Das trifft bei einem Computer-Programm nicht zu. Schachprogramme sind nicht intelligent, sie funktionieren gemäß einer vorher festgelegten Abfolge von Befehlen. Das ist ganz klar.

Die vielleicht interessantere Frage ist, inwieweit Menschen in diesem Sinne intelligent sind. Die Zwillingsforschung hat hier zum Teil überraschende Resultate gebracht. Viele anscheinend freie Verhaltensmuster sind genetisch vorherbestimmt. Sind Menschen nichts anderes als ein Programm, dessen Source-Code in den Genen fest geschrieben sind? Schachspieler kennen damit verbundene Effekte ganz genau. Erst neulich hat man einen bestimmten Fehler gemacht. Und heute passiert es schon wieder.


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Texte:

Benjamin Franklin: The Morals of chess...

Poe: Maelzel's Chess Player (1836)...

C.Gilmore: AUTOMATON CHESS (1947)...


Artikel:

Stephan Maaß: Das Mysterium um Napoleons Schachpartien...

Bill Wall: The Chess Automatons...

Tom Standage: The Man within always win...

E. Wenzel Mraček: Simulatum Corpus. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. (Auszug)...



Bücher:

Gerald M Levitt: The Turk, Chess Automaton, McFarland 2000

Tom Stanton: Der Türke, Campus Verlag, 2002