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125 Jahre Deutscher Schachbund

Die Gäste des Festaktes


Matthias Deutschmann

Bericht von der Feier zum 125-jährigen Jubiläum des Deutschen Schachbundes...


Festrede von Matthias Deutschmann

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bedanke mich für die Einladung, hier in Leipzig zum Jubiläum des Deutschen Schachbundes zu Ihnen sprechen zu dürfen. Von den 125 Jahren bin ich immerhin 29 Jahre Mitglied im Deutschen Schachbund. Auslöser für mein Interesse am königlichen Spiel, war die Schacholympiade, die 1970 in Siegen stattfand. Ich verbrachte meine Jugend in Betzdorf und das war nur 20 km von Siegen entfernt. Es war ein großes Erlebnis, Bobby Fischer in der Siegerlandhalle spielen zu sehen. Ich kann mich auch noch gut an das Transparent mit dem FIDE-Wahlspruch: „Gens una sumus“ erinnern! Doch dazu später!

Ich wurde Mitglied der Schulschachgruppe und bin dann in den Betzdorfer Schachverein eingetreten. Vereinsschach in den siebziger Jahren verbindet sich bei mir vor allem mit der Erinnerung an verrauchte Hinterzimmer und mürrische Wirte, die ohnmächtig mit ansehen mussten, wie sich Jugendspieler den ganzen Abend an einem Spezi festklammerten. Damals war es noch kein Kapitalverbrechen, am Brett Zigarren zu rauchen. In Ermangelung jeglicher Betreuung habe ich das Spielen im Verein schnell wieder sein gelassen. Im Herbst 1972 spielte Fischer in Reykjavik gegen Spassky, und es war dieser Wettkampf, der mein Interesse am Schachspiel reanimierte.
 
Eine breite Öffentlichkeit verfolgte diesen Wettkampf als Kampf der Systeme. Der Absatz von Schachspielen stieg sprunghaft an. Auch wenn ich, wie viele Anfänger und Gelegenheitsspieler, das Geschehen auf den 64 Feldern kaum bewerten konnte, so spürte ich doch die dramatische, politische Aufladung. Schach war in jenem Herbst des Jahres 72 die Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln. Von Anatoly Karpow stammt der Satz: “Schach und Politik sind in der UdSSR ein und dieselbe Angelegenheit!“ Diese pointierte Einschätzung hat einen historischen Hintergrund, denn nach der Oktoberrevolution wurde Schach als Breitensport propagiert. Für die KPdSU war Schach – in Abwandlung von Schillers Diktum - ein revolutionärer Probierstein des Geistes. Zudem konnte man auf eine große Tradition zurückblicken. Gustavus Selenus schrieb 1616: „Die Reussen oder Moscoviter spielen das Schachspiel sehr scharfsinnig und mit besonderem Fleiß: und seynd in demselben so geschickt und erfahren, daß meines Bedünkens andere Völker mit ihnen nicht leichtlich zu vergleichen (sind).“

Das sowjetrussische Schach hat die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt. Bis 1972 schien die UdSSR die Schachkrone abonniert zu haben. Vor dem zweiten Weltkrieg war der Kampf um die Spitze – so wie heute – eine internationale Angelegenheit. Emanuel Lasker eroberte den Titel von Wilhelm Steinitz und behielt ihn bis 1924. José Raul Capablanca übernahm die Krone und gab sie an Alexander Aljechin ab.

Nach Reykjavik und dem kurzen Intermezzo Fischers als Worldchampion dominierte Anatoly Karpow. Garry Kasparows schwer erkämpfter Sieg gegen Karpow wurde als ein Triumph mit hohem Symbolwert für die Ära Gorbatschow interpretiert. Hier kämpfte nicht mehr – wie anno 1978 – der Dissident Kortschnoi im fernen Baguio City mit dem sowjetischen Champion, nein, die Auseinandersetzung fand innerhalb des Systems mitten in Moskau statt. Sie sehen, das Schachbrett ist eine ausgezeichnete Projektionsfläche für Konflikte, nicht nur politischer Natur.

Auch wenn viele Partien ein vorzeitiges friedliches Ende finden, Schach lebt von der mehr oder weniger aggressiven Absicht, zumindest eines Spielers. Ursprünglich war Schach als das indische Tschaturanga ein militärisches Strategiespiel, ein Simulator für Kampfhandlungen des indischen Heeres. Interessanterweise kam beim Urschach eine Komponente hinzu, die zur heutigen Schachauffassung der meisten Spieler nun gar nicht passt: es wurde gewürfelt. Es begegnen sich hier das rationale Kalkül und der kultische Wurf, aus dem heraus die Zukunft interpretiert wird. Das Schachspiel hat sich im Laufe der Zeit vom Würfelschicksal emanzipiert und ist zum Spiel der Spiele geworden. Der Zufall spielt als Stellungsglück noch eine kleine Rolle, aber die zentrale Rolle spielt das Gehirn, mit seiner Rechenkapazität, seiner Speicherleistung seiner besonderen Fähigkeit der Intuition.

Im Zeitalter der Megadatenbanken und der superschnellen Prozessoren gilt der Imperativ: Verlasse dich auf deine Urteilskraft. Im Schachspiel sind wir auf uns zurückgeworfen. Das hat Konsequenzen. Jede Niederlage ist ein Schlag ins eigene Kontor. Ein Zertifikat der eigenen Schwäche. Wie oft haben wir dieses Leverkusen-Gefühl. Wir wähnten uns schon als Meister... eigentlich war schon alles entschieden. Und dann? Kommt das Schicksal! Die Geschichte der Niederlagen ist eine tragische Komödie. Mir gefällt der grimmige Humor, mit dem ein Robert Hübner die eigenen Fehlleistungen unter der Rubrik „Abfall“ sammelt und akribisch analysiert.Die Konfrontation mit dem eigenen Versagen bleibt eine Herausforderung, aber das Schachspiel bietet einen zweifelhaften Trost: Man kann nach der Niederlage die Figuren immer wieder aufstellen und eine neue Partie beginnen. „Neues Spiel neues Glück“ - das jedoch kann zu einer Sucht werden, zum zwanghaften Figurenkegeln.

Schach kam um 500 n.Chr. von Indien nach Persien. Die Araber, die wenig später Persien eroberten, brachten das Spiel in den nahen Osten und weiter in den Mittelmeerraum. Es gilt als gesichert, dass das Schach von Persien aus einen zweiten Weg nach Russland nahm. Über Spanien und Italien kam das arabische Schatransch nach Mitteleuropa. In einigen Schatzkammern Europas fanden sich wertvolle Figurensätze aus Bergkristall und anderen edlen Materialien. Im arabischen Islam blühte die Spielkultur auf. Konflikte mit der strengen Lehre des Koran umging man durch tolerante Auslegung der Worte des Propheten.

Schach hat sich durch die Jahrhunderte in Schüben verändert. Noch im arabischen Schach waren, bis auf den Turm, waren alle Figuren kurzschrittig. Das Endspiel war von größter Bedeutung und der König von Anfang an eine kämpfende Figur.
Schach im Hochmittelalter gehörte zu den sieben Rittertugenden. Es war Teil der höfischen Kultur, fand aber auch außerhalb des Adels Verbreitung. Das 15. Jahrhundert war eine Zeit des Aufbruchs. Seefahrt und Handel nahmen einen gewaltigen Aufschwung. Die Gotik des Mittelalters blieb im Manierismus stecken. Kathedralen brachen unter der Last der filigranen Überladung zusammen. Die Mittelalterliche Enge wurde durch die gesellschaftliche Dynamik gesprengt. Faszinierend, wie sich der Beginn der Neuzeit auf die Struktur des Schachspiels ausgewirkt hat.

Der Läufer wird zur langschrittigen Figur. Aus dem arabisch/persischen Wisir, dessen bescheidener Einfluss als einschrittiger, farbgebundener Diagonalbeamter des Königs in zahlreichen Problemkompositionen des Mittelalters geradezu verhöhnt wurde, aus dem Wisir wurde die Dame, die in ihrer Wirkung die Kraft von Turm und Läufer vereint. Es gibt die Theorie, dass diese revolutionäre Veränderung durch die historische Figur der Jean d’Arc inspiriert wurde. Es könnte aber auch sein, dass der Marienkult, der im 12.Jahrhundert entstanden war und Maria als Himmelskönigin verehrte, auf das
Schachspiel eingewirkt hat.

Das revolutionierte Schach brachte neue Möglichkeiten und bewirkte einen Schub von Traktaten über das Spiel der Könige. Die französische Aufklärung brachte einen Franzosen ins Rampenlicht der Schachöffentlichkeit: André Philidor, der große Analytiker und Berufsspieler, der seine Kunst an europäischen Höfen demonstrierte. Im 19.Jahrhundert überwand
Wilhelm Steinitz mit seinem ökonomischen, kleine Vorteile akkumulierenden Positionsstil, die Ritterschachromantik des frühen 19.Jahrhunderts. Emmanuel Lasker brachte als Zeitgenosse von Sigmund Freud die Psychologie ins Spiel. Der Stil Capablancas erinnert an die neue Sachlichkeit der 20er Jahre. Der dynamische Stil Aljechins wirkt dagegen wie ein expressionistisches Aufbegehren. Mit der Ära des sowjetischen Ingenieurs Botwinnnik dominierte die wissenschaftliche Betrachtung. Die Gegenbewegung ließ nicht lange auf sich warten: Der ultradynamische, mitunter neoromantisch anmutende Stil des Mikhail Tal eroberte nicht nur die Schachkrone, sondern auch die Herzen der Zuschauer, man muss nur an die Partie aus dem Jahre 1960 hier in Leipzig gegen Fischer denken.

Heute feiern wir hier in Leipzig das 125jährige Bestehen des deutschen Schachbundes und das kann auch Anlass sein über die Situation im Weltschachbund nachzudenken. 1970 in Siegen stand in großen Lettern: „Gens una sumus!“ Wir sind ein Geschlecht! Angesichts der immer noch vorherrschenden Männergesellschaft entbehrt diese Übersetzung nicht einer gewissen Komik. Vielleicht sollte man „gens una sumus“ mit „Lasst uns das Spiel gemeinsam vermarkten!“ übersetzen, denn der Schachwelt drohen Zustände, wie wir sie vom Boxsport her kennen. Immerhin, aus Prag kommen Zeichen der Hoffnung. Und vielleicht gestatten Sie mir eine weitergehende Anmerkung: Präsident Ilyumzhinov hat die finanziellen Nöte der FIDE gelindert, aber Mäzen und Präsident in Personalunion, das ist keine gute Kombination. Pecunia non olet - umso genauer sollte man hinschauen! Aber vielleicht ist Ilyumzhinov auch nur eine harmlose Reinkarnation Ludwig II., der dem Weltschach ein kalmückisches Neuschwanstein errichten will?

Meine sehr geehrten Damen und Herren, das Schachspiel hat einen guten Ruf zu verteidigen. Es ist das Spiel der Spiele.
Hunderttausende von Partien flitzen heute täglich durch das Internet. Die Datenbanken wachsen und mit ihnen das Wissen, aber auch die Herausforderung, sinnvoll auszuwählen. Too much information is no information. Das Schachspiel hat sich vom Probierstein der indischen Feldherren zum Testfeld für Künstliche Intelligenz entwickelt und befindet sich damit an einer Schnittstelle zur Zukunft.

Matthias Deutschmann
Freiburg Mai/September 2002
Überarbeitete Fassung des Vortrags vom 11.Mai 2002.

Für die Recherche zur Geschichte des Schachs habe ich u.a. Joachim Petzolds Buch „Das königliche Spiel“ herangezogen.